| ViaMichelin: Das Publikum ist heutzutage an grelle Attraktionen gewöhnt. Ist eine Blumeninsel überhaupt noch zeitgemäß? Gräfin Sonja: Ich glaube gerade als Gegengewicht zu dem, was wir in unserer hochtechnisierten Zeit in den Freizeitparks erleben, ist die Mainau „in”. Sie bewirkt eine gewisse Entschleunigung, die den Menschen einfach gut tut. Und die Zuschriften, die wir bekommen, zeigen uns, dass wir genau auf dem richtigen Weg sind.
Sie haben in den letzten Jahren viel investiert, um auf dem Laufenden zu bleiben - zum Beispiel in das imponierende Palmenhaus am Schloss und in einen neuen Inseleingang. Ja, unsere Palmen waren einfach zu hoch geworden für das alte Palmenhaus, und wir haben uns entschlossen, nicht nur ein Überwinterungshaus für die tropischen Pflanzen zu bauen, sondern eine richtige Attraktion - einen gläsernen Veranstaltungsraum für alle möglichen Events von der Hochzeit bis zum fasnächtlichen Hofball. Der moderne Inseleingang soll zum Saisonstart fertig werden - als Treffpunkt für Fußgänger und Radfahrer. Der feste Bau ist mit einer Zeltkonstruktion überdacht - das wirkt optisch sehr leicht und ist trotzdem wetterfest.
Auf welche Besonderheiten darf sich der Besucher 2003 freuen? Die Saison steht unter dem Thema „Zauber des Orients”. Wir haben die Bepflanzung des Parks auf die warmen Farben des Orients ausgerichtet, und so entfalten im Schmetterlingshaus die „Apfelgrünen Orientalen” ihre prächtigen Flügel. Vom 15. Mai bis 22. Juni sind außerdem zahlreiche Attraktionen geplant, vom Bauchtanz bis Kamelreiten. Vom 29. Mai bis 1. Juni wird zum zweiten Mal ein „Gräfliches Inselfest” rund ums Schloss gefeiert - mit einem Markt für Pflanzen, Möbel und Accessoires aus aller Welt.
Welche klassischen Gartenfreuden erwartet das Publikum? Die Mainau ist bekannt für ihre tolle Frühlingsblüte - von einer Million Tulpenzwiebeln. Dann kommt die Rosenblüte von Juni bis in den Herbst, und zum Finale blühen die Dahlien. Dabei wird es eine Wahl der schönsten Rose und der schönsten Dahlie geben. Etwas Besonderes auf der Mainau ist die subtropische Bepflanzung auch im Freien. Wir werden das Palmenhaus im Juni abbauen - die Palmen stehen dann bis Anfang September unter freiem Himmel.
Die Mainau ist nicht nur ihr Geschäft, sondern auch ihre Heimat. Sie leben in einem barocken Schloss. Fühlen Sie sich wie die Königin vom Bodensee? (lacht) In einem netten neuen Buch wird Graf Lennart ja „Der König vom Bodensee” genannt. Es ist sehr schön, aber nicht ganz unproblematisch, im eigenen Unternehmen zu wohnen und immer erreichbar zu sein. Manchmal würde man sich wünschen, man könnte um 17 Uhr die Tür hinter sich zumachen und in eine Villa aufs Festland gehen. Aber wir wissen auch, dass es zu den Merkmalen der Mainau gehört, dass hier, im Schloss, eine gräfliche Familie lebt. Und so möchten wir es auch in der nächsten Generation weiterführen.
Ihre fünf Kinder sind alle mit der Mainau verbunden. Wie funktioniert das Familienteam? Vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter, sind noch in der Ausbildung. Die Älteste, Comtesse Bettina, ist fertige Diplom-Betriebswirtin mit Schwerpunkt Tourismus und seit 1. Januar 2002 meine Assistentin. Sie macht das ganz toll und arbeitet sich in alle Bereiche der Geschäftsführung ein, dabei lernt sie auch meine Ehrenämter hautnah kennen. Das Hochkarätigste ist sicher die Leitung des Kuratoriums für die Nobelpreisträgertreffen in Lindau. Meine zweite große ehrenamtliche Aufgabe: die Deutsche Gartenbau-Gesellschaft, deren Präsidentin ich seit 20 Jahren bin. Meine Schwerpunkte bei dieser Arbeit mit zahlreichen Vereinen und Verbänden sind die „Wege zur Naturerziehung”. Ich möchte die nächste Generation ein bisschen wegholen von der hochtechnisierten Seite und sie hinführen zur Gartenarbeit, zum Verständnis der Natur mit Herz und Hand. Und da schließt sich der Kreis zur Mainau.
Die Mainau ist eine GmbH, deren Erlöse einer Stiftung zufließen, die Graf Lennart und Sie gegründet haben. Welchem Zweck dient die Stiftung? Das ist eine sehr gute Frage. Die Lennart-Bernadotte-Stiftung ist das ideelle Bein der Mainau. Sie wurde ursprünglich von uns gegründet, um das Lebenswerk von Graf Lennart abzusichern. Inzwischen bewegt sie das weiter, was Graf Lennart und ich auf dem ideellen Sektor entwickelt haben - zum Beispiel das Europäische Kulturforum Mainau, die Open-Air-Konzerte, die Kunstausstellungen im Schloss. Die Mainau GmbH hingegen ist der reine Wirtschaftsbetrieb, der auch für die Aktivitäten der Stiftung das Geld verdienen muss.
Was für ein Open-Air-Konzert wird es denn in diesem Jahr geben? Es ist uns ein großer Wurf gelungen. Am 24. Juli wird Placido Domingo auf Schloss Mainau den Europäischen Kulturpreis bekommen. Diese Preisverleihung von der Europäischen Kulturstiftung zu Basel hat den großen Tenor veranlasst, seinen weltweit bekannten Operalia-Wettbewerb an den internationalen Bodensee zu bringen. Die erste Runde ist in St. Gallen, das Semi-Finale in Bregenz, das Finale in Friedrichshafen, und die Operalia-Gala mit den Preisträgern findet am 26. Juli auf der Insel Mainau statt. Auch Domingo selbst wird mit seinen jungen Stars auftreten. Schon jetzt gibt es kaum noch Karten.
Wie ich in einer alten Ausgabe der Inselpost gelesen habe, wollten Sie als junges Mädchen Stewardess werden. Wer wollte das nicht (lacht)? Auf der Mainau habe ich als junges Mädchen in der Telefonzentrale und in der Buchhaltung bei meinem Vater gearbeitet. Damals hat Graf Lennart mich mal nach meinen Zukunftsplänen gefragt, und ich sagte: „Ich würde so gerne Stewardess werden!” „Ach, Sonja”, meinte er da, „schauen Sie lieber, dass Sie einen Beruf haben, bei dem Sie fliegen können und bedient werden, statt selber zu bedienen.” Irgendwo habe ich mir das zu Herzen genommen. Dass er mich später heiraten würde, konnte ich da ja noch nicht wissen.
Sicher sind Sie gelegentlich reif für andere Inseln. Wo machen Sie Urlaub von der Mainau? Wir haben zwei sehr schöne Feriensitze, zwei Refugien, in denen wir sehr gerne sind: unseren Landsitz in Schweden und ein kleines Haus in Biarritz. Das sind unsere zwei „Inseln”. Ansonsten muss ich sagen: Reisen ist im Moment beruflich soviel angesagt, dass ich keine Lust auf Hotels habe und mich in ein eigenes Zuhause zurückziehen möchte. |