Lyon: mit dem Drahtesel über die Halbinsel
France, Lyon

Lyon: mit dem Drahtesel über die Halbinsel

Par Georges Rouzeau
 
Die jüngste Manie der Lyoner, deren Stadt lange Zeit im Ruf einer überfüllten Autostadt stand, ist das Fahrrad. Ob jung oder alt, Student oder Rechtsanwalt, Rentner oder Berufstätiger, quer durch die Bank nutzen alle Lyoner mit Begeisterung das Angebot vélo'v, ein Leihsystem nach dem Selbstbedienungsprinzip, bei dem die erste halbe Stunde gratis ist (siehe Kasten). Dies ist verständlich, wenn man bedenkt, dass sich praktisch alle Wege in der Innenstadt in zwanzig Minuten zurücklegen lassen. Was liegt also näher, als die Spange ans Hosenbein zu klemmen, um auch als Tourist die Presqu'île von Lyon zu erkunden!


Ein Vélo'v Station
© G. Rouzeau/ViaMichelin

Beim Verlassen des Bahnhofs von Perrache

Wenn die Bauarbeiten am "confluent", (d.h. an der Spitze der Halbinsel, wo Saône und Rhône hinter dem Bahnhof von Perrache zusammenfließen) erst einmal beendet sind, wird schon bei der Ankunft mit dem Zug Vorfreude aufkommen. Bisher ist es leider noch so, dass das Gebiet hinter dem Bahnhof, auf dem sich lange Zeit Industrieanlagen und Lagergebäude befanden, einen nicht gerade einladenden Anblick bietet, auch wenn die Großbaustelle immerhin schon interessanter ist als die Industriebrache, die ihr voranging.
 
Den krönenden Abschluss des städtebaulichen Großprojekts bildet die für 2008 geplante Eröffnung des Musée des Confluences, ein Museum für Wissenschaft und Gesellschaft, das von dem österreichischen Architekturbüro Coop Himme(l)blau realisiert wird. Aber das ist Zukunftsmusik. Beschränken wir uns also vorerst darauf, uns nach einer Fahrradstation umzusehen. Die Suche ist nicht weiter kompliziert: Vélo'v gibt es gleich vor dem Bahnhof, auf der PlaceSadi Carnot. Und in den Korb am Lenkrad passt sogar ein kleiner Koffer!

Vélo'v, so funktioniert's

Erstens: Man holt sich eine kostenlose Karte (Gültigkeit 7 Tage) an einem Automaten an einer Radstation. Radstationen gibt es rund alle 300 Meter. Dann kann der eigentliche Ausleihvorgang beginnen. Man wählt eine Nummer, nimmt dann das Fahrrad von dem entsprechenden Ständer und schwingt sich in den Sattel. Abgeben kann man das Fahrrad an einer beliebigen anderen Station. Allerdings sollte man dazu wissen, dass nur die erste halbe Stunde umsonst ist. Jede weitere Stunde kostet 1 Euro.

Basilika Saint-Martin d'Ainay
© G. Rouzeau/ViaMichelin

Die Basilika Saint-Martin d'Ainay

Schon nach wenigen Tritten sind wir in der Rue Franklin. Diese Straße bildet die Grenze des Teils der Stadt, der in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen wurde. Im Vorbeifahren grüßen wir eine Statue von Ampère, einem berühmten Sohn der Stadt, auf dem gleichnamigen Platz, bevor wir vor der Basilika Saint-Martin d'Ainay absteigen. Der schöne romanische Gebäudekomplex, erbaut Ende des 11. Jh., hat wie durch ein Wunder die späte Ausdehnung der Stadt auch auf diesen Teil, der lange Zeit sumpfiges Brachland war, überlebt.
 
Von der Ecke Rue Bourgelat und Rue Adélaïde-Perrin hat man den schönsten Blick auf den Chor, den quadratischen Vierungsturm und den Glockenturm der Fassade. Im Inneren überrascht den Besucher ein eindrucksvoller Anachronismus: Für die Säulen des Kirchenschiffs hat sich der Baumeister in den antiken Ruinen der umliegenden Hügel bedient und so ein Ensemble geschaffen, das eine frappierende Ähnlichkeit mit den ersten frühchristlichen Basiliken aufweist.
 
Gleich neben der Kirche befindet sich ein echter "Bouchon" (so nennt man die typischen kleinen Lyoner Restaurants, in denen lokale Spezialitäten serviert werden) das Café Comptoir Abel (siehe unser Artikel), eine ideale Adresse zum Mittagessen. Im Anschluss sollte man ein paar Schritte zum Quai Tilsitt machen, der eine herrliche Aussicht auf das gegenüberliegende Ufer bietet, auf die Hänge des Fourvière-Hügels und die Basilika, die Überreste der alten Stadtmauer und, im Hintergrund, die Kathedrale Saint-Jean.

Platz Bellecour
© G. Rouzeau/ViaMichelin

Kleine Antiquitäten-Pause

 
In der Rue Auguste Comte und den angrenzenden Straßen (z.B. Rue de la Charité), haben, zwischen alten Cafés, die noch Originaltresen und -vertäfelungen besitzen, zahlreiche Kunsthandwerker und Restaurateure ihre Läden eröffnet.
 
Außerdem kann man in diesem Teil der Stadt die Stadtvillen der unter Ludwig XIV. und Ludwig XV an Einfluss gewinnenden Adelshäuser bewundern, sowie den königlichen Platz Bellecour.
 
 Die Nr. 50 in der Rue Auguste Comte ist ein besonders schönes Beispiel für diese Adelsarchitektur, genau wie das Hôtel de Villeroy (1730), Nr. 34 Rue de la Charité, in dem das Stoffmuseum untergebracht ist.

Théâtre des Célestins
© G. Rouzeau/ViaMichelin

Place des Célestins, kein Platz wie jeder andere

Wir schwingen uns wieder in den Sattel, lassen die Place Bellecour, den Schauplatz aller wichtigen Lyoner Ereignisse, hinter uns und setzen uns Richtung Norden in Bewegung, durch die Rue duPrésident Edouard-Herriot und dann die Rue des Archers bis zur Place des Célestins, wo uns (rechterhand) eine Fahrradgarage erwartet. Das Bild dieses wunderschönen Platzes wird geprägt von der aristokratischen Fassade des Théâtre des Célestins. Die Restaurierungsarbeiten wurden vor kurzem abgeschlossen und das Theater erstrahlt nun wieder in vollem Glanz. Das Fremdenverkehrsamt organisiert Führungen, bei denen man u.a. den herrlichen, im italienischen Stil ganz in Purpurrot und Gold dekorierten Bühnensaal sowie das luxuriöse Foyer bewundern kann.
 
Vor dem Theater befindet sich eine Art Hightech-Grünanlage, bei der Holzplanken den sonst üblichen Rasen ersetzen und in deren Mitte ein kurioses Periskop steht. Werfen Sie ruhig mal einen Blick in den Apparat. Sie erwartet eine perspektivische Ansicht der Zufahrtsrampe zum Parkhaus Parking des Célestins die von Daniel Buren und Christian Drevet gestaltet wurde. Das unwahrscheinliche Zusammentreffen von Kunst, Architektur und Parkplatz ergibt ein noch unwahrscheinlicheres Bild, das wie ein Arkadengang der Renaissance anmutet .
 
Bei schönem Wetter sind die Bänke auf der Place des Célestins sehr begehrt. Die Lyoner verzehren hier ihr bei Pignol gekauftes Mittagessen. Wir hegen eine ganz besondere Vorliebe für diesen Platz, wo man in aller Ruhe im Reiseführer schmökern oder sich einfach nur die Zeit bis zum nächsten TGV im Bahnhof von Lyon Part-Dieu vertreiben kann.

Passage de l'Argue
© G. Rouzeau/ViaMichelin

Shopping im Goldenen Carrée

Shoppingsüchtige und ihre Angehörigen seien vorgewarnt: Das berühmte Lyoner Carré d'Or (70 Luxusboutiquen zwischen Place Bellecour und Place des Jacobins) ist nicht immer kreditkartenverträglich. Manche Läden führen übrigens herrliche Stücke aus Lyoner Seide.
 
Wer hier noch nicht das Richtige gefunden hat, kann den Einkaufsbummel entlang der Straßen Rue du Président Herriot und Rue deBrest fortsetzen. Die Rue du Président Herriot, eine lange gerade Straße, die im 19. Jh. von dem Präfekten Vaïsse (der in Lyon eine vergleichbare Politik betrieb wie Haussmann in Paris) durch die existierende, alte Stadtlandschaft der Halbinsel gezogen wurde, ist gesäumt von schönen eklektischen und klassizistischen Fassaden. Einen besonderen Blick lohnt u.a. die Nr. 63.
 
Gleich nach der Place des Jacobins, die ein schöner Brunnen aus Carrara-Marmor ziert, der vier Lyoner Künstlern gewidmet ist, geht rechts und links von der Rue Herriot die überdachte Einkaufspassage Passage couvert de l'Argue ab, eine echt Lyoner Institution mit altmodischen Regenschirm- und Hutläden und der unbeschreiblichen Bar du Passage.
 
Auf der linken Seite mündet die Passage in die Rue Mercière - die galloromanische via mercatoria; d.h. also die Marktstraße. Tagsüber kann man hier die schönen Renaissancefassaden bewundern, während man sich Abend zum dinieren oder auf ein Glas in einem der vielen Restaurants und Cafés trifft, zum Beispiel im Eden Rock.

Leise und umweltfreundlich durch die Stadt

 
Neben vélo'v und einem bemerkenswerten Netz von öffentlichern Verkehrsmitteln, das Bus, Straßenbahn und Metro kombiniert, bietet Lyon noch ein paar weitere Möglichkeiten der "sanften" Fortbewegung, die besonders am Wochenende eine unterhaltsame Alternative sind. 
 
So zum Beispiel der Segway, ein großer, zweirädriger Elektroroller, der mit speziellen Michelin-Reifen ausgerüstet ist und den man mit dem Körper lenkt. Von März bis kurz vor Weihnachten kann man auch das Cyclopolitain in Anspruch nehmen, ein elektrisch unterstütztes Dreirad mit Fahrer, eine Art moderne Rikscha, für eine einfache Fahrt wie mit dem Taxi oder eine 20-minütige touristische Rundfahrt, "Cyclotour" genannt.
 
Außerdem kann man, wenn man sich auf dem Weg auf den Fourvière-Hügel oder an den steilen Hängen der Croix-Rousse nicht zu abstrampeln möchte, ein Fahrrad mit elektrischem Hilfsmotor mieten. Das im Vieux Lyon ansässige Unternehmen ZoneCyclable bietet zwei Arten von Rundfahrten an: allein, mit Karte und Heft ausgestattet, oder in Begleitung eines professionellen Führers.

Museum für schöne Künste
© G. Rouzeau/ViaMichelin

Die drei großen Museen der Presqu'île

Das Museum für schöne Künste
 
Das Museum für schöne Künste befindet sich im Palais Saint-Pierre, einem ehemaligen Benediktinerkloster, das nur die Töchter aristokratischer Familien aufnahm, deren vier Großeltern adelig waren. Die im Grunde recht mondänen Damen machten aus dem Hof des Kreuzgangs einen exotischen Garten voller seltener Pflanzen. Noch heute ist dieser Ort eine Oase der Ruhe, wo man sich in Gesellschaft diverser Statuen von Bourdelle und Rodin von der Großstadthektik erholen kann.
 
Im Museum selbst kann man eine außergewöhnliche Sammlung von Kunstwerken aus der ganzen Welt bewundern. Darüber hinaus zeigt die Ausstellung "Sechs Jahre Neuzugänge 2000-2005" rund hundert Werke aus der permanenten Ausstellung, die die verschiedenen Verfahren im Rahmen der Akquisitionspolitik eines Museum illustrieren: Schenkungen, Vermächtnisse, Ankäufe, Leihgaben, Stiftungen usw.

Stoffmuseum
© G. Rouzeau/ViaMichelin

Das Stoffmuseum
 
In dem schönen Hotel de Villeroy lädt eine umfassende Sammlung aus Seide, Stickereien, Wandbehängen und vielen anderen herrlichen Stoffen zu einer Reise durch Orient und Okzident und von der Antike bis in die heutige Zeit ein. Einen besonderen Platz widmet das Museum natürlich dem Talent der Lyoner Seidenweber.
 
Das Druckereimuseum
 
Wussten Sie, dass das erste Buch in französischer Sprache, eine Bibel von Jean de Tournes, 1476 in Lyon gedruckt wurde? Während der Renaissance war diese traditionelle Handelsstadt, in der sich viele Einflüsse kreuzten, wesentlich an der Entwicklung des Buchdrucks beteiligt und wurde innerhalb eines Jahrhunderts zur drittgrößten Verlagsstadt Europas. In jener Zeit war das Druckgewerbe im wirtschaftlichen Leben der Stadt ebenso wichtig wie die Banken und die Seidenweberei. Die Sammlungen des Museums umfassen auch eine außerordentliche Serie mit 600 Holzschnitten, die der Illustration der Bibel dienten, sowie Stiche von Gustave Doré, die das Werk Rabelais illustrierten.

Lyon City Card: ideal für einen Kurztrip

Mit diesem Pass kann man bei der Stadtbesichtigung eine Menge sparen. Angeboten werden drei Pauschalen, mit einer Gültigkeit von 1, 2 oder 3 Tagen. Inbegriffen sind die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel, der Eintritt in 21 Museen, Stadtführungen durch das Fremdenverkehrsamt, eine Besichtigung des Dachs der Basilika auf dem Fourvière-Hügel (ein absolutes Must), die "Expresso"-Konzerte des Lyoner Nationalorchesters, die meisten Konzerte im Amphitheater der Nationaloper sowie Rabatt in zahlreichen Geschäften.

Rathause
© G. Rouzeau/ViaMichelin

Rund um die Place des Terreaux

Auf dem Weg zu diesem berühmten Platz machen wir noch einen kleinen Abstecher in die Rue de la Fromagerie, um einen kurzen Blick auf das herrliche Renaissanceportal der KircheSaint-Nizier zu werfen, die, so will es die Legende, an dem Ort errichtet wurde, an dem sich das erste Lyoner Heiligtum befand.
 
Die Place des Terreaux ist die Endstation unserer kleinen Radtour. Der Platz bildet eine Art natürliche Barriere am Fuße Croix-Rousse-Hügels . Tatsächlich ging an dieser Stelle ein Flussarm der Rhône entlang, der später zugeschüttet wurde. Im Süden wird der Platz von der langen Fassade des Saint-Pierre Palasts begrenzt, während sich im Osten die schöne Louis-XIII-Fassade des Rathauses erhebt.
 
 Die Mitte des Platzes ziert ein Brunnen, den die Stadt Bordeaux 1889 bei dem Bildhauer Bartholdi in Auftrag gegeben hatte. Der Streitwagen der Freiheit, der die Garonne und ihre Zuflüsse symbolisiert, die sich in den Ozean stürzen, wurde letztendlich aufgrund seines Preises von der Stadt abgelehnt. Anschließend wurde der Brunnen auf der Pariser Weltausstellung gezeigt und ausgiebig bewundert, um schließlich 1892 in Lyon seine endgültige Heimat zu finden. Der Transport des monumentalen Brunnens erfolgte auf dem Seeweg und über die Flüsse, denn nur ein Schiff war in der Lage, die 50 Tonnen hohles Blei zu tragen.
 
Die 1994 von Daniel Buren neu gestaltete Place des Terreaux besitzt heute ein Pflaster aus dunklem Granit, in das 69 Fontänen eingelassen sind. Nach Einbruch der Dunkelheit werden die verschiedenen Monumente durch eine subtile Beleuchtung hervorgehoben.
Fremdenverkehrsamt Lyon
Place Bellecour
BP 2254
69214  Lyon cedex 02
Tél : 04 72 77 69 69
Fax. : 04 78 42 04 32
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