Göteborg: kosmopolitisch und typisch schwedischVon Emmanuel TresmontantWährend Stockholm die wohl schönste Stadt Schwedens ist, gilt Göteborg als die gastfreundlichste. Die europäische Leichtathletikmeisterschaft, die hier vom 7. bis 13. August ausgetragen wird, ist eine ideale Gelegenheit, sich einmal selbst davon zu überzeugen. Die an der Westküste Schwedens in gleicher Entfernung zu Stockholm, Kopenhagen und Oslo gelegene Stadt Göteborg ist seit ihrer Gründung im Jahr 1621 ein wichtiger Knotenpunkt für ganz Skandinavien. Gleichzeitig besitzt Göteborg einen der größten Häfen Nordeuropas, mit einem Warenumschlag von über 30 Millionen Tonnen. Mit breiten, von Bäumen gesäumten Straßen, Kanälen aus dem 17. Jh. und vielen Radwegen, die das Zentrum mit den Sandstränden des südlichen Stadtteils Halland verbinden, wirkt Göteborg wie eine Stadt, die ganz auf das Wohlbefinden der Einwohner zugeschnitten ist. So kommen beispielsweise auf jeden Einwohner nicht weniger als 175 m2 Grünfläche (im Trädgårdsföreningen-Park wachsen über 2000 Rosenarten). ![]() © Göran Assner - Göteborg & Co Auch wenn die Stadt am Kattegatt dem pulsierenden kulturellen Leben Stockholms nicht das Wasser reichen kann, ist Göteborg doch mit 470.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Schwedens und besitzt als solche 193 Cafés, 671 Restaurants, 25 Theater, 19 Museen, eine Universität mit 61.000 Studenten und einen Vergnügungspark, Liseberg genannt, der einer der beliebtesten Reiseziele der Schweden ist. Im Sommer wie im Winter verkörpert Göteborg die Devise mens sana in corpore sano. Die Sportanlagen der Stadt genießen weltweit hohes Ansehen und die örtliche Universität brachte im Jahr 2000 den Nobelpreis für Medizin hervor. Darüber hinaus ist Göteborg die Heimat der Hasselblad-Kameras, der SKF-Kugellager, der Weltraumtechnologien von Saab Ericsson und natürlich der legendären Limousinen, die Volvo hier seit 1927 baut. ![]() Vinga © Kjell Holmner - Göteborg & Co Göteborg in drei TagenGöteborg wurde im 17. Jh. von holländischen Ingenieuren entworfen und gebaut. Der sehr geometrische Grundriss, die Kanäle und die vielen kleinen Brücken verleihen der Stadt heute einen malerischen Charme, auch wenn in der Architektur der Neoklassizismus vorherrschend ist. Auch ohne die Werften, die 1970 schließen mussten, ist Göteborg eine echte Hafenstadt, deren Geschicke von der Nordsee bestimmt werden. Alles, von der Küche bis zur Oper (die wie ein Schiff konzipiert ist) erinnert daran, dass es sich um eine Stadt handelt, die für den Seehandel gebaut wurde. Erster Tag: Ausflug zu den Schäreninseln Ausgehend vom Stadtzentrum, das von der breiten Prachtmeile Kungsportsavenyn (von den Einwohner kurz Avenyn genannt) symbolisiert wird, bringt Sie die Straßenbahnlinie 11 nach Saltholmen an der Westspitze Göteborgs, von wo aus man mit dem Schiff die Inseln Vrångö, Styrsö und Brännö erreicht, die berühmt sind für ihre Klippen, ihre Sandstrände und ihre Fremdenzimmer.In den Sommermonaten kann man außerdem vom Anleger in Lilla Bommen (im Stadtteil Nordstaden, gegenüber der Oper) mit der Fähre zu der nahe gelegenen Insel Elfborgs Fästning übersetzen, sowie zum Naturreservat Vinga im östlichsten Teil der Schärengruppe. Diese Insel mit ihrem unter Seeleuten wohlbekannten Leuchtturm bietet geradezu paradiesische Badebedingungen und ein paar wunderbare Stellen zum Angeln. Das kleine Evert TaubeMuseum ist der Kunst der beliebtesten Dichter und Komponisten Schwedens gewidmet. Vom 6. bis 13. August 2006 ist Göteborg Gastgeber für die 19. europäischen Leichtathletikmeisterschaften. Insgesamt werden 1.400 Athleten aus 49 Ländern gegeneinander antreten, um eine der Glasmedaillen zu erringen, die speziell zu diesem Anlass von der schwedischen Künstlerin Ulla Ohlson entworfen wurden. Die Eröffnungsrede zur Göteborger Europameisterschaft hält Jonathan Edwards - eine Wahl, die nicht von ungefähr kommt, denn der Brite ist noch heute vielen als Held der 1995 ebenfalls in Göteborg ausgetragenen Weltmeisterschaft in Erinnerung. Damals war es ihm gelungen, gleich zwei Mal den Dreisprung-Weltrekord zu brechen. Mit seinem Rekordsprung über 18,29 Meter ist er bis heute Weltrekordinhaber. ![]() Austragungsort der Leichtathletik-EM ist das Nya Ullevi, eines der größten Freiluftstadien Skandinaviens, das für die Fußballweltmeisterschaft von 1958 erbaut wurde. Zu den 12 täglichen Wettkämpfen werden 32.000 Zuschauer pro Tag erwartet. Die Wettbewerbe im Gehen finden auf der Skånegatan, einer Straße vor dem Stadion, statt und die Strecke der beiden Marathonläufe führt mitten durch Göteborg. Eingeleitet werden die Wettkämpfe traditionsgemäß mit dem Hundertmeterlauf der Herren, dessen spannendes Finale am 8. August stattfindet. Ganz allgemein ist in diesem Jahr mit spannenden Wettkämpfen zu rechnen und man darf sich auf die besten europäischen Athleten freuen, sofern diese sich durch das Erreichen der EM-Norm qualifiziert haben. Der lokale Star in Göteborg ist natürlich Carolina Klüft, 23, Mehrkampf-Weltmeisterin von Helsinki und große Rivalin der Französin Eunice Barber: Nach einer neunmonatigen Wettkampfpause will die junge Schwedin nun vor eigenem Publikum gleich in zwei Disziplinen an den Start gehen, im Mehrkampf und im Weitsprung. Mit viel Unterstützung und Anfeuerungsrufen aus den Tribünen des Ullevi-Stadions kann auch Kajsa Bergqvist rechnen, die in diesem Winter mit 2,08 Metern den Hallenrekord im Hochsprung gebrochen hatte. In Göteborg will die junge Frau nun auch die 2,09 Meter überspringen, d.h. den aktuellen Rekord im Freien. ![]() © E. Tresmontant / ViaMichelin Zweiter Tag: Rundgang zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten Wir schlagen Ihnen vor, sich morgens zwei Stunden Zeit zu nehmen zu einem schönen Spaziergang bis zum Stigberget, einem Hügel, der im Westen des Stadtzentrums über dem Fluss Göta liegt. In 20 bis 30 Minuten (wer schlecht zu Fuß ist, kann auch die Straßenbahn, Linie 11, oder den Bus, Linie 60, nehmen), gelangt man zur lutherischen Kirche Masthuggkyrkan. Sie wurde auf einem Felsen errichtet und bietet eine Rundumsicht über die gesamte Stadt. Von hier aus erblickt man u.a. die ehemaligen Werften des Stadtteils Älvstranden und die sehr eindrucksvolle Alvsborg-Brücke, erbaut 1966, die in 45 m Höhe den Fluss überspannt. Die Kirche selbst, zwischen 1910 und 14 nach Plänen des Architekten Sigfrid Ericson errichtet, ist eines der bekanntesten Bauwerke der "Nationalromantik". Ihre Glocken ertönten zum ersten Mal, um den Beginn des Ersten Weltkriegs zu verkünden. Innen ist sie ganz aus Holz, wie so viele traditionelle skandinavische Kirchen, und ihre rustikalen Skulpturen sowie die Miniaturschiffe, die unter der Decke aufgehängt sind, bieten ein sehr eindringliches Schauspiel. Noch heute beten hier die Seemannsfrauen für die sichere Heimkehr ihrer Ehemänner ... Ein heiliger Ort mit einer sehr intensiven Ausstrahlung. ![]() © Kjell Holmner - Göteborg & Co Für den Rest des Vormittags empfehlen wir einen weiteren sehr typischen und lebendigen Ort: die Feskekörka. Die metallene Architektur dieses 1874 errichteten Gebäudes erinnert tatsächlich sehr an eine Kirche (daher der Name "Fischkirche"), aber Messen werden hier keine zelebriert. Es handelt sich vielmehr um eine Markthalle, spezialisiert auf Fisch und Meeresfrüchte. Sie liegt nah am Rosenlunds-Kanal, im Herzen der Stadt. Die Atmosphäre, die hier herrscht, ist offen und herzlich und in der ersten Etage kann man in dem sehr beliebten Restaurant Gabriel zu Mittagessen, das typisch schwedische Fischgerichte und Meeresfrüchte auf der Karte hat (siehe unser Artikel). ![]() © Kjell Holmner - Göteborg & Co Am Nachmittag brauchen Sie dann nur noch den Kanal zu überqueren und nach Haga spazieren, dem ältesten Stadtteil von Göteborg (10 Fußminuten von der Feskekörka entfernt). Alle Städte Europas besitzen heute ihr malerisches historisches Viertel, sei es der Marais in Paris, Little Venice in London oder der Schnoor in Bremen, um nur einige zu nennen ... Haga ist ein bisschen all das zusammen: Holzhäuser, Pflasterstraßen, Antiquitätenhändler, Kunstgewerbe- und Second-Hand-Boutiquen, Buchläden und gemütliche Cafés, in denen man sich mit Zimtschnecken stärken kann. Im 17. Jh. war dieser außerhalb der Stadtmauern gelegene Stadtteil den Fischern vorbehalten, im 19. Jh. dann den Arbeitern. Heute ist er das trendige Viertel Göteborgs. Die etwas oberhalb Richtung Süden den Hügel hinaufführende Linnégatan gilt als die lebendigste Straße der Stadt, mit vielen Bars und kosmopolitischen Restaurants. ![]() © E. Tresmontant / ViaMichelin Ein anderer Ort, der berühmt ist für Kunstgewerbe und Handwerksläden ist der Kronhusbodarna-Platzim Norden der Stadt, zwischen Stora-Hamn-Kanal und Hafen (wo neben der Oper die 23 Etagen des Gothia Towers Hotels in den Himmel ragen, das zu einem Wahrzeichen des zeitgenössischen Göteborg wurde). Im Zentrum des gepflasterten, autofreien Platzes steht eine alte Backstein-Kaserne aus dem 18. Jh., die heute als Konzerthalle für klassische Musik dient. Westlich davon findet man eine im 19. Jh. gegründete traditionelle Karamell- und Bonbonfabrik sowie einen Glasbläser. Am Ostrand des Platzes befinden sich die Werkstatt eines Uhrmachers, der sich auf die Reparatur von alten Standuhren spezialisiert hat und in ganz Schweden bekannt ist, sowie ein schönes altes Kaffeehaus. ![]() Göteborgs Konstmuseum © Kjell Holmner - Göteborg & Co Dritter Tag: zwei Museen von Weltrang Was liegt näher, wenn sich Göteborg mal wieder ganz plötzlich in Nebel und Regen hüllt, als Zuflucht in einem Museum zu suchen? Im Stadtzentrum befindet sich das imposante Museum für Schöne Künste (Göteborgs Konstmuseum), zu dem die nicht weniger imposante, von Galerien und Bars gesäumte Prachtmeile Avenynhinaufführt. Das 1923 von Sigfrid Ericson entworfene Gebäude wirkt ganz einfach kolossal und erinnert, wenn man von den Proportionen einmal absieht, ein wenig an den ehemaligen Ceausescu-Palast in Bukarest. Großartig ist das Gebäude auch von Innen, mit breiten Marmortreppen, die man geduldig erklimmen muss, um die 4 Etagen des Museums zu besichtigen. Eine Anstrengung, die sich in jedem Fall lohnt, denn unter den ausgestellten Werken finden sich mehrere zahlreiche Meisterwerke, darunter der Olivenhain von Van Gogh, die Artisten von Picasso sowie einige Porträts von Bacon. Außerdem gibt das Kunstmuseum Gelegenheit, sich näher mit den skandinavischen Impressionisten vertraut zu machen, zu denen auch der Maler Carl Larsson zählt, der Ende des 19. Jh. zum Malen nach Frankreich ging, wo er sich in dem damals bei skandinavischen Künstlern sehr beliebten Ort Grez-sur-Loing südlich von Fontainebleau aufhielt. Nicht versäumen sollte man den Ausstellungssaal, der dem Maler Ivar Arosenius (1878-1909) gewidmet ist, dessen humorvolle Szenen, die man in ganz Schweden kennt, Kinder ebenso ansprechen wie Erwachsene. ![]() © E. Tresmontant / ViaMichelin Für Autofreaks ist natürlich das Volvo Museum ein Muss. Man erreicht dieses im Westen von Göteborg gelegene Museum, das in Schweden eine echte Institution ist, über die Schnellstraße 159. Es zeigt die komplette Geschichte des größten schwedischen Autoherstellers, von den Anfängen 1927 (mit dem ersten Volvo, dem ÖV 4) bis zum noch sehr jungen Concept Car YCC, einem Auto, das ausschließlich von Frauen für Frauen entwickelt wurde (siehe unser Artikel). Unter den vielen Tausend Ausstellungsstücken ist auch das legendäre Sportcoupé P1800 zu sehen, das Roger Moore alias Simon Templar von 1963 bis 1969 in der gleichnamigen Fernsehserie (englisch The Saint) fuhr. Dass Volvo nicht nur für die Elite produziert, sondern auch Autos für jedermann, zeigt der "Volkswagen" PV 444, der lange Zeit ein Paradebeispiel für Design und Robustheit made in Sweden war. |