19/06/06
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Neues Mercedes-Benz Museum: das Auto als Kunstwerk

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© DaimlerChrysler / ViaMichelin
Am 19. Mai 2006 wurde in Stuttgart mit viel Prunk das größte Automobilmuseum der Welt eingeweiht.
Jeder der zum ersten Mal nach Stuttgart kommt ist überrascht von dem provinziellen Flair der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Auf der Fahrt vom Flughafen in die Stadt, über die Neue Weinsteige, die steil ins Neckartal abfällt, prägen ringsum bewaldete Hügel und weinbewachsene Hänge das Bild. Mit insgesamt 440 Hektar Weinbergen ist Stuttgart eines der größten Weinbaugebiete Deutschland - was allerdings noch längst nicht erklärt, wie die Stadt zum Hauptquartier des weltweit zweitgrößten Automobilherstellers wurde.
 
Beim Blättern durch die Touristenprospekte erfährt man, dass Stuttgart die Geburtsstadt des Dampfpflugs, des Zeppelins, der Bohrmaschine, der Bretzel und des Büstenhalters ist ... aber auch die des ersten Automobils der Herren Gottfried Daimler und Carl Benz. Darüber hinaus ist Stuttgart die sechstgrößte Stadt Deutschlands mit 590.000 Einwohnern, 2 Universitäten, 6 Hochschulen, 14 universitären Forschungsinstituten und 140.000 Unternehmen, die an die 1,4 Millionen Mitarbeiter beschäftigen. Natürlich ist Stuttgart auch unter den 12 Gastgeberstädten der WM 2006, mit einem frisch umgebauten Stadion, genannt Gottlieb-Daimler Stadion, demgegenüber vor kurzem das größte Automobilmuseum der Welt eröffnet wurde.



© DaimlerChrysler

Die DNA der Marke

Das neue Museum, das von den niederländischen Architekten Ben van Berkel und Caroline Bos des Büros UN Studio entworfen wurde, denen man u.a. die herrliche Erasmusbrücke von Rotterdam verdankt, versteht sich sowohl vom Konzept her als auch in bautechnischer Hinsicht als eine Hymne an das Automobil.
Das von Rundungen und fließenden Linien geprägte Gebäude weist keinerlei rechte Winkel auf, gerade so als müsse es den Gesetzen der Aerodynamik entsprechen. Die Fassade des Museums besteht aus Aluminium und Glas, aus Materialien also, die direkt vom Automobilbau übernommen wurden, und die Grundstruktur ähnelt einem dreiblättrigen Kleeblatt, das dem nahe gelegen Anschluss der der Bundesstraße B14 an die Bundesstraße B10 nachempfunden wurde. Da das Museum unmittelbar an der B10 liegt, hat der Autofahrer, der auf dieser Straße ins Neckartal fährt, den Eindruck "praktisch direkt in das Gebäude hineinzufahren", unterstreicht der Architekt. Darüber hinaus weist die Architektur des Museums gewisse technische Besonderheiten auf, die normalerweise beim Bau von Autobahnbrücken zum Einsatz kommen. So müssen die Ausstellungsräume zum Beispiel in der Lage sein, das Gewicht von 10 Lastwagen zu tragen, bei einer Raumhöhe von 33 Metern und ohne dass Pfeiler die Struktur abstützen.


© DaimlerChrysler

Das Innendesign des Gebäudes spielt seinerseits mit Formen, die wir von der Genetik kennen: zwei schräge Ebenen die sich wie Spiralen nach oben winden. Sie erinnern an die Doppelhelix eines DNA-Moleküls und sollen das Erbgut der Marke symbolisieren. Wir sind allerdings eher versucht, diese Form als eine Hommage an Frank Lloyd Wright zu verstehen, denn der spiralförmige Parcours weist genau wie die äußere Form des Gebäudes deutliche Parallelen zum Guggenheimmuseum in New York auf.
 
Für die 9 Ebenen; 160 Fahrzeuge und 1500 Ausstellungstücke sollte man nicht weniger als 2 Stunden einplanen. Der Museumsbesuch beginnt in einem eindrucksvollen 42 Meter tiefen Atrium, von dem aus man in luxuriösen kapselförmigen Fahrstühlen direkt bis in die letzte Etage fährt. Hier beginnt der eigentliche Ausstellungsparcours, der die Form eines langsamen Abstiegs in 120 Jahre Automobilgeschichte annimmt. Dank der Doppelhelix-Struktur werden den Besuchern zwei gegenläufige Routen angeboten: ein chronologischer Rundgang, der den großen Epochen des Automobilbaus, gewidmet ist, mit sieben "Mythenräumen" wie Die Erfindung des Automobils (1886-1900), Die Geburt der Marke, (1900-1914), Diesel und Kompressor (1914-1945) Epoche der Wunderjahre und des Wirtschaftswunders (1945-1960) usw., und ein thematisch geordneter Rundgang mit 5 "Collectionen" (Schwerlastwagen, Rennwagen, Expeditionen ... )

Mercedes-Benz 500 K Cabrio aus dem Jahr 1936
© E. Boucher / ViaMichelin

Für viele Autofans wird der Besuch mit den 30er bis 50er Jahren den Höhepunkt erreichen, dem Goldenen Zeitalter des Automobils. Einen besonders starken Eindruck dürfte dabei die Begegnung mit dem Mercedes-Benz 500 K Cabrio aus dem Jahr 1936 hinterlassen. Das K steht für Kompressor. Von diesem herrlichen, 5 m langen Torpedo, dessen 8-Zylindermotor eine Spitzengeschwindigkeit von 160 km/h erreicht, wurden insgesamt nur 354 Exemplare gebaut. Nachhaltige Emotionen erwarten den Besucher auch in der 300-SL-Etage, wo u.a. der legendäre 300 SLR von Rudolf Uhlenhaut zu sehen ist. Uhlenhaut war Entwicklungschef der Marke und benutzte diesen Boliden als Dienstwagen für den täglichen Gebrauch. Eigentlich recht dreist, wenn man bedenkt, dass dieser Bolide direkt von der Formel 1 abgeleitet war und einen 2 496 ccm großen 8-Zylinder-Reihenmotor besaß, der 257 PS leistete. Der SLR wurde nur zu 8 Exemplaren hergestellt, von denen wiederum nur zwei mit den berühmten Flügeltüren ausgerüstet waren.

300 SLR von Rudolf Uhlenhaut
© E. Boucher / ViaMichelin

Der Parcours endet in einem spektakulären Ausstellungsraum, der automobilen Rekorden gewidmet ist. Auf einer großen, gekrümmten Piste; die wie eine echte Rennstrecke mit Asphalt bedeckt ist, werden all jene Boliden gezeigt, die den Ruf der Marke geprägt haben. Neben vielen anderen kann man hier die legendären W 25 bewundern, mit denen Rudolf Caracciola Europameister wurde und Manfred von Brauchitsch auf der Berliner AVUS eine Spitzengeschwindigkeit von 380 km/h erreichte. Das war übrigens 1935 und 1936.


© E. Boucher / ViaMichelin

Mercedes-Modelle, die ihre Epoche prägten

Kaiser Wilhelm II. - Der Fall des guten Kaisers Wilhelm sagt einiges über die Fähigkeiten großer Staatsmänner aus, gesellschaftlichen Entwicklungen vorzugreifen: "Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung", oder auch: "Solange ich warme Pferde besitze, werde ich mich nicht in einen solchen Stinkkarren setzen" ... Die Abneigung des Kaiser legte sich erst, als er den Mercedes des amerikanischen Millionärs Clarence Gray Dinsmore zu Gesicht bekam und kurz entschlossen auch einen Stinkkarren bestellte. Das Museum zeigt u.a. seinen Mercedes-Benz 770 "Großer Mercedes" Cabrio aus dem Jahr 1932.
Hirohito - Es scheint, als hätten Kaiser eine Vorliebe für das Modell "Großer Mercedes" gehabt. So thront heute neben der deutschen Kaiserkutsche auch der 770 Pullman-Limousine des Kaisers Hirohito aus dem Jahr 1935.
Jean-Paul II - Der wohl berühmteste Mercedes ist keine Limousine, sondern ein ML. Es handelt sich um das legendäre Papamobile, ein ML, der mit einer kugelsicheren Kabine ausgerüstet war und der nach dem Mordanschlag auf Johannes Paul II. im Jahr 1981 in allen Medien zu sehen war.
Ringo Star und Lady Di - Diese Stars der britischen Jet-Set hatten beide das Privileg, einen Mercedes zu besitzen, allerdings war ihr Glück nicht von gleicher Dauer. 1992 kaufte sich Lady Di als erstes Mitglied der königlichen Familie ein ausländisches Auto, einen Mercedes 500 SL. Dabei hatte sie offensichtlich den britischen Nationalstolz unterschätzt. Nach einer effizienten Hetzkampagne der englischen Presse musste sich Diana schließlich noch im selben Jahr von ihrem herrlichen roten Coupé trennen - das nun unter den Exponaten zu bewundern ist.

Praktische Informationen

Mercedes-Benz-Museum
Mercedesstrasse 100, 70372 Stuttgart
 
Ein Audioführer steht in acht Sprachen zu Verfügung, auch speziell für Kinder.
 
Das Museum ist durch einen unterirdischen Gang mit dem Mercedes-Benz Center verbunden, einem Event- und Showroom, in dem die neuesten Modelle verkauft werden. Zum Serviceangebot gehören außerdem eine Cafeteria und ein Museumsshop, in dem Fans der Marke mit dem Stern allerlei Accessoires kaufen können, vom Schlüsselanhänger über die Schirmmütze bis hin zum neuesten SLR Mac Laren.