Magazin - 03/10/05

   
     
 
Klicken, um die Größe zu verändern

Lenkung der DS 19 (Technikschema)
ID Break
DS 23
DS 19
DS 21 Pallas
General de Gaulle und die DS
Die DS auf dem Pariser Automobilsalon 1962
Ausstellung Cinquantenaire de la DS, 2005
 
 
Unterwegs
50 Jahre Citroën DS

Von G. Rouzeau

50 Jahre ist es her, dass die erste „Göttin“ auf unseren Straßen für Aufmerksamkeit sorgte. Mit ihrem stromlinienförmiges Design und einer avantgardistischen Technik revolutionierte sie die Welt des Automobils.
© Collection Gaumont Pathé Archives
Premiere der DS 19 auf dem Pariser Automobilsalon 1955
Als die DS am 6. Oktober 1955 auf der Pariser Automobilmesse erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, schlug sie wie eine Bombe ein. Schluss mit den Seifenkisten mit massigem Kühlergrill und bauchigen Kotflügeln! Mit ihrem gewagten Design und fortschrittlicher Technik leitete die DS eine neue Epoche in der Automobilindustrie ein und setzte mit einem Schlag völlig neue Standards in Sachen Sicherheit und Komfort.
© Leonardo Bertoni
Flaminio Bertoni, Designer der DS
Das Meisterwerk DS ist die Frucht der Zusammenarbeit des Ingenieurs André Lefebvre mit dem Maler, Bildhauer und Designer Flaminio Bertoni, der  schon die die legendäre Ente entworfen hatte.
 
Beiden gelang mit der DS eine beim Automobil bis da hin unerreichte Fusion von Design und Technik. Denn auch wenn die von Bertoni entworfenen Formen der DS eindeutig ihren Ursprung in der plastischen Kunst haben (die außergewöhnliche Plastizität des Wagens springt förmlich ins Auge), so gehorchen sie gleichzeitig auch den Gesetzen der Aerodynamik André Lefebvre hatte seine Karriere übrigens beim französischen Flugzeugbauer Bonvoisin begonnen.
 
Jedes kleinste Detail,   von den Lufteinlässen vorn bis zu den Blinkern hinten, wurde für einen möglichst geringen Luftwiderstand konzipiert, um den Wagen schneller und gleichzeitig sparsamer zu machen als jeden anderen dieser Leistungsklasse. Von der Luftfahrtindustrie inspiriert ist auch die von Lefebvre entwickelte Motorhaube aus Aluminium, die bei einer Kollision nach oben geschoben wird.
© Citroën Communication
DS 19, 1956
Überhaupt standen Sicherheit und Komfort bei der DS eindeutig im Vordergrund: Der Rand der Windschutzscheibe wurde auf ein Minimum reduziert, um eine Panaromasicht zu ermöglichen, die nichts an ihrer Aktualität verloren hat. Das Einspeichenlenkrad ist so gebaut, dass es beim Aufprall einknickt, anstatt in die Brust des Fahrers zu stoßen. Beim Komfort setzte vor allem die berühmte hydropneumatische Aufhängung völlig neue Maßstäbe. Bei diesem System wurden die sonst üblichen Metallfedern durch zwei Fluide ersetzt: eine Flüssigkeit (Mineralöl) und ein Gas (Stickstoff). Die nicht komprimierbare Flüssigkeit stellt die Verbindung zwischen den sich bewegenden mechanischen Teilen der Aufhängung und dem Gas, d.h. dem eigentlichen federnden Medium, her. Verstärkt wird dieser völlig neue Federungskomfort bei der DS noch durch eine dicke Teppichschicht am Boden, die die Geräusche filtert.
© G. Rouzeau / ViaMichelin
Lenkrad und Armaturenbrett der DS 21 Pallas
Mit dem von Bertoni entworfenen Armaturenbrett, das erstmals serienmäßig in einem Block gegossen wurde, hält das Design bei Citroën Einzug in die Fahrtgastzelle. Gleichzeitig ist dies der Beginn eines Konzepts, das heute in aller Munde ist: Ergonomie.
 
Doch die allgemeine Faszination, die die DS bei ihrer Vorstellung auslöste, rührt auch von dem perfekten Verarbeitungsniveau der eingesetzten Materialien und verschiedenen Elemente her. So schreibt der französische Semiologe Roland Barthes in seinem der DS gewidmeten Essay in Mythen des Alltags: „In der DS steckt der Anfang einer neuen Phänomenologie der Zusammenpassung, als ob man von einer Welt der verschweißten Elemente zu einer solchen von nebeneinandergesetzten Elementen überginge, die allein durch die Kraft ihrer wunderbaren Form zusammenhalten.“ Unschöne Schweißnähte und auffällige Nieten gehören von nun an der Vergangenheit an ...
Auto der Mächtigen und Berühmten
© Citroën Communication
Europäisches Gipfeltreffen im Elyséepalast
Gleich nach ihrer Premiere auf dem Pariser Automobilsalon wurde die DS zum Auto der Machthaber und Künstler. Auch der General de Gaulle erwählte den futuristischen Wagen zu seiner Staatskarosse, wobei der hoch gewachsene General insbesondere die Beinfreiheit im Inneren zu schätzen wusste. Keine schlechte Wahl, denn schließlich sollte der Wagen ihm einmal das Leben retten. Bei einem Attentat auf den Präsidenten konnte die DS  dank der hydropneumatische Federung einen zerschossenen Reifen automatisch kompensieren und auf drei Rädern schnell weiterfahren.*
 
Zwischen den Künstlern und der DS war es Liebe auf den ersten Blick. So kam zum Beispiel die zweite Bestellung von insgesamt 12 000, die am Tag der Pariser Premiere registriert wurden, von der Schauspielerin Gina Lollobrigida, die, so wurde gemunkelt, besonders für die schlanken Formen der Göttin empfänglich war. In der Folge war die DS regelmäßig auf dem Filmfestival in Cannes zu Gast, in Begleitung von Stars wie Elisabeth Taylor und Orson Welles, sowie Schriftstellern en vogue wie Françoise Sagan.
© Citroën Communication
Gina Lollobrigida und die DS
Auch die Filmemacher begeisterten sich schnell für die schnittige Schöne und die Liste der Filme, in denen die DS ihren Auftritt hat, ist lang. Zu den großen Klassikern zählen Die süße Haut (François Truffaut, 1964), Fantomas gegen Interpol (André Hunebelle, 1965), Der Clan der Sizilianer (Henri Verneuil, 1969), Der eiskalte Engel (Jean-Pierre Melville, 1967), Auf Liebe und Tod (François Truffaut, 1983) und natürlich Die Ausgepufften (Bertrand Blier, 1974), wo ein begeisterter Gérard Depardieu versucht, dem skeptischen Patrick Dewaere die Vorzüge der Hydropneumatik klar zu machen.
 
Dass die Kino-Karriere der DS noch längst nicht zu Ende ist, zeigen Filme wie Gattaca (1997): Die  bizarre Zukunftsvision von Andrew Nicol unterstreicht die Zeitlosigkeit eines Wagens, der noch heute wie kein zweiter die Modernität verkörpert ...
 
* Am 22. August 1962, währen des Algerienkriegs, geriet der General de Gaulle in Petit Clamart bei Paris in einen Maschinengewehr-Hinterhalt der französischen Untergrundbewegung OAS.
Jubiläum 2005
© Citroën Communication
Backsteinrotes Cabrio, Ausstellung Cinquantenaire de la DS, 2005
Das 50. Jubiläum eines Mythos muss gebührend gefeiert werden. So werden in diesem Jahr zahlreiche Veranstaltungen zu Ehren der Göttin organisiert. Da ist zunächst die Ausstellung in der Cité des Sciences et de l'Industrie in Paris (23. Juni bis 31. Oktober), auf der ein paar besonders schöne Modelle gezeigt werden, darunter ein herrliches backsteinrotes Cabrio, sowie Werbesports mit antiquarischem Charme und Auszüge von Spielfilmen. Auch auf der Internationen Messe für zeitgenössische Kunst (FIAC, 6. bis 10. Oktober, auf dem Messegelände der Porte de Versailles in Paris) wird der DS als einer absoluten Referenz zeitgenössischen Designs in diesem Jahr ein besonderer Platz eingeräumt. In einer Ausstellung wird der Weg eines Automobils  nachvollzogen, das unzählige Künstler inspirierte und Citroën definitiv zur Avantgarde des internationalen Design erhob. Vom 6. bis 9. Oktober schließlich werden in Saint-Quentin-en-Yvelines 1600 DS erwartet, die am 9. Oktober im Korso durch Paris fahren.

Spritztour in einer grauen DS 21 Pallas Jahrgang 1969
© G. Rouzeau / ViaMichelin
DS 21 Pallas Baujahr 1969
Der Himmel ist strahlend blau, hier im Pariser Norden, wo ich erste Bekanntschaft mit der DS 21 Pallas Baujahr 1969 mache. Die Vorstellung übernimmt Jean-Claude Lannes, Leiter des Conservatoire du Patrimoine Citroën, eine Art historisches Museum der Marke. Erster Eindruck: So modern und revolutionär die DS ihrerzeit auch war, als Fahrer von heute muss man umdenken ...
 
Ich nehme im edlen Lederinterieur Platz und folge der kurzen Einführung meines „Fahrlehrers“. Als erstes führt man den Zündschlüssel ein, allerdings ohne ihn zu drehen. Man startet den Wagen, indem man den kleinen  Schalthebel am Armaturenbrett hinter dem Lenkrad leicht nach links schiebt. Umgehend springt unsere DS, die nur 45 000 km auf dem Tacho hat, an. Die Hydraulikelemente werden unter Druck gesetzt und der Wagen hebt sich sanft, erst hinten, dann vorn: Eine absolut wesentliche Etappe, die man geduldig abwarten muss, wenn man die Innereien seiner DS nicht auf der Straße verteilen will. Darauf wurden auch früher die Kunden beim Neuerwerb einer DS ausführlich hingewiesen, wie aus dem immer noch vorhandenen  Originalhandbuch unserer betagten Pallas hervorgeht.
© G. Rouzeau / ViaMichelin
Eine der Innovationen der DS: der Pilz
Die Handbremse sitzt links unten. Man löst sie per Knopfdruck und hält gleichzeitig den Fuß auf dem eigentümlichen „Pilz“, der anstelle des üblichen Bremspedals die Fußbremse bildet. Ein Kupplungspedal ist bei dieser Hydraulikschaltung überflüssig. Man legt direkt einen Gang ein und schon setzt sich der Wagen ruhig in Bewegung. Leises Zischen, Seufzer, wiegende Bewegungen, leichtes Schlingern: die DS gleitet über den Asphalt wie ein Schiff über den ruhigen Ozean - das Grün der Gemüsefelder des Val d'Oise wird in Gedanken zum spiegelnden Blau des Mittelmeers. Fast fühle ich mich wie auf der Nationalstraße  7 Richtung Lanvandou, wie Louis de Funès in Hibernatus ...
 
Und tatsächlich, so erklärt Jean-Claude Lannes, muss man sich bei der DS einen betont „gemächlichen“ und „fließenden“ Fahrstil angewöhnen. Sowie man zu scharf am Lenkrad dreht, kommt man ins Schleudern. Schon nach einer Stunde am Steuer dieses ungewöhnlichen Fahrzeugs bekommt man eine Vorstellung davon, wie sehr die DS die damaligen Fahrgewohnheiten revolutioniert hat. Während die Traction eine resolute Fahrweise erforderte, um die klassische Mechanik mit ihren Verzahnungen und Getrieberädern in den Griff zu bekommen, verlangt die von der Hydraulik getragene DS nur eins: Sanftheit und Präzision. Eine Fahrstunde, bei der man einiges lernen kann ...
DS-Fanclubs
Die DS-Fangemeinde ist groß, mit unzähligen Clubs in Europa (Deutschland, Frankreich, Belgien, Niederlande, Großbritannien usw.) und der ganzen Welt, bis nach Amerika, Japan und sogar Australien. Und viele werden ohne Zögern jenem englischen Fan zustimmen, der die DS ganz einfach zum „schönsten Auto, das je gebaut wurde“, erklärte. Die Mitgliedschaft in einem Club ist für DS-Besitzer praktisch unumgänglich, denn nur so kommt man an nützliche Wartungstipps und erschwingliche Ersatzteile. Wer mit der DS liebäugelt, sollte seine Leidenschaft noch etwas zurückstellen, denn in diesem Jubiläums-Jahr dürften die Preise   entsprechend in die Höhe schießen. Generell sind die Preise weit gefächert, aber für ein Modell in gutem Zustand muss man schon um die 10 000 € hinlegen. Wichtig ist, dass der Wagen regelmäßig gewartet wurde und die Karosserie rostfrei ist - denn der Rost ist sozusagen die Achillesferse der DS.

Praktische Hinweise
Ausstellungen
 
Cité des sciences et de l'industrie :
www.cite-sciences.fr/
Jubiläums-Website:
www.dsjubile2005.org/
FIAC 2005 :
www.fiacparis.com/FIAC05/intro.html
 
Clubs

Französischer Verband der DS und ID Clubs:
www.ideale-ds.com/
 
Weitere Clubs :
Frankreich :
dsclub55.free.fr/
www.dsidclubdefrance.net/
 
England :
www.id-ds.com/Pages/the.godess.htm
www.citroen-ds-id.com/
 
Niederlande :
www.toi.dds.nl/ds.html
 
Belgien :
www.dssmclub.be/
 
Deutschland :
www.dsclub.de