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REISEZIEL

 

Im Land des Bären

01/09/02
Von E. Tresmontant

Seit seiner Wiedereinbürgerung in den Pyrenäen 1996 ist der Bär ein umstrittenes Thema. Als Leidenschaftliche Verfechter oder aber energische Gegner der Wiedereinbürgerung sehen die Bewohner der Ariège in Meister Petz mal einen Retter, mal einen Sündenbock. Bis zum friedlichen Miteinander scheint es noch ein weiter Weg zu sein...




„Der Bär der Pyrenäen existiert, ich bin ihm begegnet!”


Jagd auf Bären, Jungtiere, die schon sehr früh ihrer Mutter entrissen wurden, um bei Schaustellern* ein tristes Leben zu fristen, Zerstörung des natürlichen Lebensraums durch menschliche Aktivität... Seit dem 19. Jh. war das Ende der Bären in den Pyrenäen absehbar und schien unwiderruflich. Bis zu dem Tag, an dem...

Im April 1999, am späten Nachmittag, machte sich der 63jährige Rentner Roger Vieira wie gewohnt auf, um im Wald oberhalb des Parc pyrénéen de la préhistoire in Tarascon-sur-Ariège Morchel zu sammeln. Plötzlich bemerkt er rund 10 Meter vor sich eine große Silhouette: „Ich sah ein Tier, das sich hoch aufgerichtet hatte, mit braunem, sauberen Fell und einem großen Kopf. Es hat eine Zeit gedauert, bis ich begriffen hatte, was mir da passierte. Dann bin ich schnell davongelaufen, allerdings nicht ohne mich mehrmals umzudrehen. Das Tier hatte mich gewittert und versuchte, meiner Spur zu folgen. Aber ich habe meine Beine unter den Arm genommen!”** Schade um die Morchel...
Bären bekommt man, auch von weitem, nur selten zu Gesicht, aber dennoch häufen sich seit drei Jahren die Berichte von Wanderern, Schafhirten, Jägern und sogar Autofahrern, die im Naturreservat von Orlu, oberhalb von Ax-les-Thermes oder in der Umgebung von Mérens-les-Vals einem Bären begegnet sind.
Seit 1996 ist der Bär wieder da*** und der Bär hat Hunger! Der 130 kg schwere Allesfresser, der sich zu 60% vegetarisch ernährt, gibt sich nicht immer mit Früchten und Beeren zufrieden und gönnt sich hier und da auch mal ein Schaf oder ein Kalb (soweit diese nicht von Hirten und den berühmten Pyrenäen-Berghunden bewacht werden), oder auch einen Bienenstock, zum großen Ärger der Bauern im unteren Ax-Tal. Für sie ist der Bär ein Räuber. Schlimmer noch, wie uns ein Bauer erklärt, dessen Fohlen von einem Bären auf einen Felsen geschleudert wurde, „der Bär scheint auch zu töten, wenn dies nicht lebensnotwendig für ihn ist.” Auf der anderen Seite argumentieren die Verfechter der Wiedereinführung des Bären in den Pyrenäen**** (organisiert im ADET, Verein zur wirtschaftlichen und touristischen Entwicklung der Pyrenäen), dass der Bär nicht nur ein Raubtier ist, sondern auch das Symbol einer jahrtausendealten Kultur der Pyrenäen. In freier Wildbahn lebend ist der Bär für sie ein fester Bestandteil des biologischen Gleichgewichts und könnte gleichzeitig, auf längere Sicht, der Region zu einem Markenzeichen verhelfen - „Das Land des Bären” - von dem man sich die entsprechenden touristischen und wirtschaftlichen Auswirkungen verspricht.
Unter dem Druck der Argumente beider Parteien hat der Präfekt der Ariège im Juli 1999 veranlasst, dass der Bär gefangen und mit einem Sender versehen wird, der es ermöglichen soll, die Bewegungen des Tiers mitzuverfolgen. So kann der Bär heute jederzeit lokalisiert werden und eventuelle Angriffe auf Herden können vorhergesehen werden.


Was tun, wenn man einem Bären begegnet?

Jeden Sommer stellen hunderte von Wanderern im Tal von Orlu den Beamten des Fremdenverkehrsbüro in Ax-les-Thermes mit einer Mischung aus Angst und Abenteuerlust die gleiche Frage: „Und was ist mit dem Bär? Ist dieses Tier gefährlich?”
Ja. Wie jedes wilde Tier, kann auch der Bär gefährlich werden, wenn er sich bedroht fühlt. Glücklicherweise kam es seit der Wiedereinbürgerung 1996 noch zu keinerlei Problem zwischen Mensch und Bär. Der Sohlengänger, der mit Vorliebe in der Dämmerung umherstreift, ist eher scheu und meidet die Menschen. Berichte aus Ländern mit einer wichtigen Bärenpopulation (Slowenien, Bulgarien, Rumänien, Spanien) beschreiben 5 verschiedene Situationen, in denen das Tier ein aggressives Verhalten gegenüber Menschen an den Tag legen kann:
1/ Der Bär ist verletzt.
2/ Sie überraschen ihn dabei, wie eine Beute verzehrt.
3/ Sie überraschen ihn mit seinen Jungen.
4/ Sie stören ihn während des Winterschlafs in seinem Unterschlupf.
5/ Ihr Hund bellt ihn an und versteckt sich dann hinter Ihnen.
Um kein Risiko einzugehen, empfiehlt es sich also, die Wanderwege nicht zu verlassen, eher am Tag als in der Dunkelheit zu wandern und Ihren Hund an der Leine zu führen. Falls es trotzdem einmal zu einer näheren Begegnung (weniger als 100 m Abstand) mit dem Bären kommen sollte, zeigen Sie sich ihm mit aller Ruhe, verstecken Sie sich nicht, reden Sie, bewegen Sie sich und halten Sie Blickkontakt mit dem Tier. Entfernen Sie sich dann langsam von dem Weg, den der Bär einschlagen könnte und verlassen Sie den Bereich, in dem Sie langsam zurückgehen.




* Ab dem 18. Jh. entwickelte sich, insbesondere in der Ariège, ein völlig neuer, aus Zentraleuropa importierter Berufszweig: der des Tanzbärenführers. Dazu wurden junge Bären gefangen - wenn man es verstand, der Bärenmutter aus dem Weg zu gehen, war dies recht ungefährlich- , dressiert und schließlich wurden Ihnen noch ein paar Kunststücke beigebracht. Dann reiste der Bärenführer von Ort zu Ort, um seinen Tanzbären gegen Geld auf Jahrmärkten vorzuführen. Die Bärendresseurschule von Ercé in der Ariège ist noch heute berühmt.
** In La Dépêche vom Freitag, den 9. April 1999.
*** Vom Bären in der Einzahl zu reden, ist ein Euphemismus. Tatsächlich wurden 2 Bärenweibchen, Mellba und Ziva, aus Slowenien (wo die Bären genetisch den Bären der Pyrenäen am nächsten sind) in die französischen Pyrenäen gebracht. Ein Jahr später durfte dann auch der Bär Pyros seine neue französische Heimat entdecken. 1997 bekamen Mellba und Ziva ihre ersten Jungen (Mellba 3 und Ziva 2). Eines der Jungen von Mellba starb zu Beginn des Sommers 1997. Im September wurde Mellba von einem Jäger, der in Panik geraten war, getötet. 1998 wurden Ziva und ihre zwei Jungen in den spanischen Pyrenäen im Tal von Isil gesehen. Pyros und die beiden anderen Jungtiere haben sich jeweils für ein Territorium auf der französischen Seite entschieden, im oberen Aude-Tal, dem Naturreservat von Orlu und im Westen des Aston-Massivs.
**** Unter den Verfechtern sind auch Bauern und Hirten, die als begleitende Maßnahme der Wiedereinbürgerung Subventionen für den Kauf von Hunden zum Schutz des Viehs erhalten haben. Ihnen zufolge konnte dank dieser Hunde sogar der Verlust von Mutterschafen auf den Sommerweiden eingeschränkt werden.


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