 | Von E. Tresmontant | Die Ariège in den Pyrenäen ist eine Region, in der die eiszeitlichen Bewohner zahlreiche Spuren hinterlassen haben: Nicht weniger als 13 wunderbare Bilderhöhlen zeugen von dieser weit zurückreichenden Vergangenheit. Der französische Prähistoriker Jean Clottes* kennt die Ariège wie seine Westentasche, noch besser jedoch die Höhlen, die er allesamt erforscht und unter die archäologische Lupe genommen hat... Für ihn besteht kein Zweifel daran, dass die Ariège das Zentrum einer steinzeitlichen Zivilisation war, deren künstlerische Produktion im Jungpaläolithikum** einzigartig ist. |    | |  | © E. Tresmontant / ViaMichelin Jean Clottes
 | ViaMichelin: Die Höhle von Lascaux im Périgord und die Grotte Chauvet in der Ardèche sind weltbekannt. Weniger bekannt ist jedoch, dass auch die Ariège eine ganze Reihe wichtiger steinzeitlicher Fundstätten aufzuweisen hat. Was macht diese Region so besonders? Jean Clottes: Die Bilderhöhlen der Ariège, die zu den wichtigsten steinzeitlichen Höhlen der Welt gehören. Chronologisch sind diese in das Ende der letzten Eiszeit einzuordnen. Damals war ganz Nordeuropa von einer dicken Eisschicht bedeckt. Der Wasserspiegel der Meere und Ozeane lag rund hundert Meter tiefer als heute. Die Wälder waren weniger dicht und die Landschaft war vorwiegend von weitläufigen Steppen geprägt. Diese Bedingungen trugen dazu bei, dass sich große Herden von Bisons, Pferden, Auerochsen und Renntieren bildeten - alles Tiere, die von den Magdalénien-Menschen*** hier, in der Ariège, gejagt wurden. Diese Menschen, die nicht sehr zahlreich waren, lebten als Halb-Nomaden hauptsächlich von Jagd und Fischfang: Sie blieben solange an einem Ort, bis dessen Ressourcen an Jagdtieren zur Neige gingen und suchten sich dann andere Jagdreviere. Sie unternahmen auch Expeditionen, um sich bestimmte Ökosysteme zu Nutzen zu machen. So kamen Magdalénien-Menschen aus anderen Regionen regelmäßig ganz in die Nähe von Niaux, nach Ussat im oberen Ariège-Tal (man weiß das, da man hier Steinartefakte gefunden hat, deren Herkunft in die Gegend des Languedoc einzuordnen ist), um hier Steinböcke zu jagen und Lachse zu fangen, und zwar zu Beginn des Winters, wenn die Bedingungen für eben diese Jagd und diesen Fischfang am günstigsten waren.
Kann man von einer für die Ariège typischen Magdalénien-Kultur sprechen? Auf jede Fall! Die Leute damals waren wie wir, sie hatten die gleichen Fähigkeiten wie wir, das gleiche Gehirn, das gleiche Nervensystem, fast die gleiche Köpergröße (die Durchschnittsgröße der Menschen hat sich in Europa erst in der zweiten Hälfte des 20. Jh. wirklich verändert). Ihre Zivilisation war natürlich nicht die gleiche. Sie waren Jäger und Sammler, d.h. sie lebten von der Jagd, dem Fischfang und von den Früchten und Pflanzen, die sie in der Natur fanden. Ihre Kunst war sehr weit entwickelt. Ihre Religion stand in ihrer Komplexität den „modernen” Religionen in nichts nach. Ihre medizinischen Kenntnisse waren jedoch begrenzt und die Lebenserwartung war dementsprechend kurz, allerdings auch nicht kürzer als im Mittelalter. Ihr Leben dürfte sogar angenehmer gewesen sein als das der Menschen im Mittelalter, schließlich verbrachten sie ihre Zeit damit, zu jagen, Fische zu fangen, Beeren oder Pilze zu sammeln und zu malen... Wenn ich vor der Wahl stünde, wäre ich lieber ein Magdalénien-Mensch als ein Leibeigener im 12. oder 13. Jh.!
Die altsteinzeitlichen Höhlen der Ariège sind geschützt und teilweise nur schwer zugänglich. Welche kann man heute noch besichtigen? Was die Bilderhöhlen betrifft, nur noch zwei: Niaux, augenblicklich die größte Besuchern zugängliche Höhle in Europa, und, unweit von Niaux, Bédeilhac. Außerdem können Höhlen ohne Malereien besichtigt werden, die trotzdem archäologisch und speleologisch gesehen sehr interessant sind, wie die außerordentliche Höhle des Mas d'Azil, durch die gleichzeitig ein Fluss und eine Straße führen (was in Europa einzigartig ist!), die Höhlen von La Vache, Lombrives und die Höhle von Labouiche. |   |  | | Der Parc de l'Art Préhistorique: Weltweit einzigartig | | 1994 entstand in Tarascon sur Ariège, in einer Landschaft, die unweigerlich an den Film Am Anfang war das Feuer erinnert, der Parc de l'Art Préhistorique. Dieser Themenpark Steinzeitkunst, weltweit einzigartig, verbindet spielerisches Entdecken mit hohem wissenschaftlichen Anspruch. Hier kann sich das breite Publikum nicht nur mit dem täglichen Leben unserer Vorfahren vertraut machen, sondern auch bestimmte, nicht zugängliche Galerien der Höhle von Niaux bewundern, die, neben Altamira, Lascaux und Chauvet zu den bedeutendsten Bilderhöhlen der Welt zählt. Bestimmte Teile der Höhle sind noch heute dem Publikum geöffnet. Während die Kinder (kleine wie große) lernen, wie man Steinwerkzeuge herstellt, Feuer macht, oder mit einer Speerschleuder umgeht, können Sie im Museum eine naturgetreue Nachbildung des berühmten „Schwarzen Salons” der Höhle von Niaux bestaunen. Die über 14000 Jahre alten Malereien des Salons, der von heutigen Prähistorikern als eine Art Heiligtum interpretiert wird, erstrecken sich über eine Länge von rund zwanzig Metern. Mit einem Ultraviolett-Verfahren konnten bei der Erstellung dieses Faksimiles durch Renaud Sanson, der bereits an Lascaux II in Montignac (Dordogne) mitgearbeitet hatte, zerstörte Teile der Malereien, die mit dem bloßen Auge nicht mehr sichtbar waren, in ihrem ursprünglichen Zustand wieder gegeben werden, wie zum Beispiel die Bisonköpfe. Gezeigt werden außerdem heute nicht mehr zugängliche Galerien, wie der Réseau Clastres, berühmt für seine Fußabdrücke von Kindern und seine Malereien. | |  |  | |    | |  | © E. Tresmontant / ViaMichelin Höhle von Niaux
 |  | Sie schreiben: „Die Darstellungen, die wir auf den Wänden der Höhlen entdecken, sind Ausdruck der Völker, die sie geschaffen haben, Ausdruck ihrer Kultur und ihrer Denkweise.” Welche Schlüsse lassen sich aus den Höhlenmalereien der Ariège auf die Lebensweise der ersten Bewohner dieser Region ziehen? In den Malereien drückt sich in erster Linie ihre Denkweise aus. Über ihre Lebensgewohnheiten wissen wir bereits eine Menge durch Ausgrabungen: wovon sich die steinzeitlichen Menschen ernährt haben, wie sie ihre Nahrung zubereitet, das Fleisch geschnitten haben, ihre Jagdtechniken, welche Werkzeuge und Waffen sie verwendet haben usw. Die Höhlenmalereien hingegen geben uns einen Einblick in ihre Denkweise und ihre Religion. In 1 km Tiefe unter der Erde etwas an die Höhlenwand zu malen, ist keine spontane Geste. Im Gegensatz zu einem weit verbreiteten Bild lebten die steinzeitlichen Menschen nicht in Höhlen sondern draußen, in Hütten. Wenn sie sich in die Höhlen begaben, so hauptsächlich aus religiösen Gründen. Für sie war die Welt der Höhlen eine Art übernatürliche Welt, ein Ort des Kontakts mit den Geistern. Im Inneren der Höhlen verwendeten sie Fackeln. Die Malereien wurden wahrscheinlich von Schamanen angefertigt.
Die Höhle von Les Trois-Frères (bei Saint-Girons) weist hunderte von Gravierungen auf, wobei die spektakulärste den so genannten Zauberer, halb Tier, halb Mensch, zeigt. Kann man im prähistorischen Kontext von „Schamanismus” sprechen? Ja. Der Schamanismus ist eine unter Jagdvölkern (in Sibirien, bei den Eskimos, bei den Indianern Nordamerikas) weit verbreitete Religion. So bleibt der Schamanismus der beste Ansatz bei der Interpretation der Darstellungen von halb menschlich, halb tierischen Wesen, die man in den Höhlen antrifft und auch viele andere Beobachtungen, die von den Archäologen in den Höhlen gemacht wurden, bekommen so einen Sinn. Die Magdalénien-Menschen und ihre Vorfahren drangen tief in die Galerien vor um so in direkten, körperlichen Kontakt mit der übernatürlichen Welt zu treten. Hier waren die Geister zu Hause, deren Wirken das Leben der Menschen bestimmte. Im flackernden Licht ihrer Fackeln wurden diese Geister auf den unregelmäßigen Höhlenwänden lebendig, als kämen sie aus den Felsspalten oder den hintersten Ecken der Galerien zum Vorschein. Und über die Malerei konnte man mit diesen Geistern in Kontakt treten.
* Der Kurator für historisches Kulturgut und ehemalige Präsident des Internationalen Komitees für Felskunst (Icomos) Jean Clottes leitet heute das Wissenschaftlerteam, das mit der Untersuchung der Grotte Chauvet betraut ist. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, von denen mehrere auch in deutscher Sprache erschienen sind, darunter Niaux. Die altsteinzeitlichen Bilderhöhlen in der Ariège (Jan Thorbecke Verlag, Suttgart, 1997), Schamanen. Trance und Magie in der prähistorischen Kunst (Jan Thorbecke Verlag, Stuttgart, 1997) und Die schönste Geschichte des Menschen (Lübbe, Berg;-Gladb. 2000 und 2001). ** Jungpaläolithikum: Abschnitt der Altsteinzeit (40000-12500 v.Chr.) *** Magdalénien: Kulturstufe der Altsteinzeit, benannt nach der französischen Fundstätte La Madeleine (Département Dordogne). Das Magdalénien bildet den Höhepunkt und Abschluss der altsteinzeitlichen Kulturentwicklung in Mittel- und Westeuropa (etwa 15000 bis um 10000 v.Chr.). Aus dieser Zeit stammen die meisten Werke der paläolithischen Kleinkunst, feine Gravierungen auf Knochengeräten und zahlreiche Felsbilder (Altamira, Cosquer-Höhle, Lascaux). |  |  | |