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REISEZIEL

 

100 Tage in Kassel: die Documenta11

01/06/02
Von Christiane Fricke

Wie erklären sich Künstler in Neu Dehli oder Kuba die Welt? Was bewegt den schwarzen Filmemacher, der in der zweiten Generation in London lebt und sich nun als Intellektueller seiner Wurzeln besinnt? Welche Ausdrucksformen entwickeln Künstler, um den Völkermord zu verarbeiten? Das sind Fragen, mit denen sich die Documenta11 von Kassel beschäftigt.




Ein gebürtiger Nigerianer leitet diesmal das Mammutunternehmen: Okwui Enwezor ist Dichter, Kritiker und Ausstellungsmacher und hat bereits in mehreren großen Ausstellungen die spannenden, aber auch bestürzenden Aspekte untersucht, die der Austausch von Kulturen in der globalisierten Welt mit sich bringt.
Die Kasseler Documenta will Weltkunstschau sein, seit ihren Anfängen. Tatsache ist aber, beklagt Enwezor, dass sie sich viel zu lange nur auf das konzentrierte, was für die westliche Welt wichtig war. Vor ihm unternahm nur die Französin Catherine David, Leiterin der documenta 10 („dX”) von 1997 einen ersten Versuch, diese einseitige Perspektive zu durchbrechen. Sie akzentuierte die politische, soziale und kulturelle Sensorfunktion der Kunst und richtete parallel zur Ausstellung ein Diskussionsforum ein, wo internationale Fachleute über die Rahmenbedingungen von Kunst und Gesellschaft debattierten.




Nicht nur die Westkunst im Visier


Okwui Enwezor geht noch einen großen Schritt weiter. Er macht die Documenta zu einem weltumspannenden Unternehmen und stellt zum ersten Mal die dominante Rolle der „Westkunst” in Frage. An ihrer Seite stehen nun die Werke von Künstlern, die an anderen Brennpunkten der Erde arbeiten. Wie funktioniert dort die zeitgenössische künstlerische Produktion? Und unter welchen gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen Bedingungen?
Verschiedene Orte entwickeln unterschiedliche Sprachen, um sich die Welt zu erklären - die Documenta11 will diese lokalen Eigenarten herausstellen und ihre Wechselwirkungen mit der internationalen Kunstszene ans Licht bringen. Vier Kulturkonferenzen („Plattformen”) mit Workshops und Vorträgen haben diesen Klärungsprozess auf vier Kontinenten vorangetrieben, lange vor Beginn der Kasseler Schau.




Megaausstellung mit 118 Künstlern


Die fünfte Plattform ist die Ausstellung selber. Nach langer Geheimniskrämerei steht fest: Sie wird Werke von 118 Künstlern zeigen und das neu hinzugewonnene Ausstellungsareal der ehemaligen Binding-Brauerei mit einbeziehen. Dadurch wird dem Besucher noch mehr abverlangt als in der Vergangenheit: Auf den knapp 7000 Quadratmetern zusätzlicher Ausstellungsfläche soll ein großer Teil jener 79 Kunstprojekte gezeigt werden, die speziell für die Documenta11 neu geschaffen wurden. Die weiteren Spielorte sind bekannt: das Fridericianum, die Documenta-Halle, der Kulturbahnhof, die Orangerie und die Karlsaue, wo das Publikum auf ausgewählte Freiluftprojekte stoßen wird.
Auf allen Kontinenten hat Okwui Enwezor nach Künstlern gesucht, die „mit Engagement und künstlerischer Praxis” reflektieren, „was in der Welt vorgeht”. Das Ergebnis seiner Suche überrascht etwas: Nur 40 Künstler kommen aus Erdteilen, die auf den Vorgängerveranstaltungen unterrepräsentiert waren: aus Afrika, Asien und Lateinamerika. Die Mehrheit wurde in Europa und Nordamerika geboren, unter ihnen viele eingeführte Namen.
Allerdings ist die ganze Bandbreite künstlerischer Medien vertreten: Malerei, Skulptur und Zeichnung, Fotografie, Film und Video, Performance, Sound und Architektur. Dazu gesellt sich ein umfangreiches Programm mit Filmen, Konzerten, Performances, Workshops und Vorträgen. Kassel soll ein Ort lebhafter öffentlichen Debatten sein, so wie es die vorangegangenen Plattformen waren. Vier große Themen wurden dort diskutiert. Sie werden auch in die fünfte Plattform, die Documenta11, einfließen:




Demokratie als unvollendeter Prozess
Liberale Staaten begreifen Demokratie gemeinhin als abgeschlossenen Prozess. Diese gängige Auffassung wurde zuerst in Wien und anschließend in Berlin in Frage gestellt. Demokratie ist, so lautet das Fazit der beiden Plattformen, ein nicht abgeschlossenes Projekt, an dem weiter gearbeitet werden muss. Das tut auch die politisch engagierte Künstlerin Adrian Piper mit ihren Projekten. „Was zeichnet einen Menschen aus, was unterschiedet ihn von anderen und wie entgeht er vorschnellen Festlegungen und Diffamierungen”, fragt sie.

Experimente mit der Wahrheit
Im Zentrum der zweiten Plattform in Neu Delhi standen neue juristische und soziale Verfahren, die in Ländern wie Chile, Südafrika oder Ruanda der Vergangenheitsbewältigung und Aussöhnung dienen. Der chilenische Fotograf und Architekt Alfredo Jaar ist davon überzeugt, dass sich das Grauen gegen eine bildliche Darstellung sperrt. Er wählt deshalb symbolische Gesten sowie beiläufig scheinende Fotos und Dokumente, um sich unfassbaren Vorgängen anzunähern.




Kultur der Vermischung
Auf der Karibikinsel Santa Lucia diskutierten die Teilnehmer der dritten Plattform über die sogenannte „Kreolisierung”, einen fortschreitenden Prozess kultureller Vermischung und Transformation.
Jean Bernabé, einer der Vordenker der kreolischen Kultur, sieht darin in Zeiten der Globalisierung das Modell für eine Weltkultur. Herkunft und Abstammung werden eine immer geringere Rolle spielen, erwartet er. Dafür gewinnt die Beziehung zu dem Ort, wo man lebt, eine immer größere Bedeutung. Einer, der sich intensiv mit dieser schwierigen Situation der Identitätssuche auseinandersetzt, ist der in London lebende Filmemacher und Documenta-Teilnehmer Isaac Julien.

Unter Belagerung: Vier afrikanische Städte
Die vierte Plattform in Lagos widmete sich den zerstörerischen Auswirkungen von Armut und Gewalt. Am Beispiel der Städte Freetown, Johannesburg, Lagos und Kinshasa wurden ökonomische Lösungen und soziale Praktiken diskutiert. Zu den Visionären unter den Architekten zählt der in Frankreich lebende Documenta-Teilnehmer Yona Friedman. Er macht sich Gedanken über den Flächenfraß der Städte und hat sich zum Spezialisten für mobile Bauformen und flächensparende Strukturen in luftiger Höhe entwickelt.
Diese Documenta, so viel steht fest, wird die Kunst gewiss nicht in musealen Glanz tauchen. Sie wird Kontakt mit der Welt aufnehmen, unbequeme Fragen stellen und damit sicher politischer sein als ihre Vorgängerinnen.


Praktische Hinweise

Plattform 5 Documenta11, Kassel
Vom 8. Juni bis zum 15. September 2002

Öffnungszeiten: Täglich von 10 - 20 Uhr
Eintrittspreise:
Tageskarte: 16 €
Abendkarte ab 17 Uhr: 7 €
Zweitageskarte: 24 €
Dauerkarte: 80 €
Ermässigung erhalten: Schüler, Studenten, Sozialhilfeempfänger, Arbeitslose, Rentner, Wehrpflichtige, Zivildienstleistende und behinderte Besucher. Der Ausweis zur Ermässigung ist beim Einlass (und nicht beim Kauf) vorzuzeigen.
Ausstellungsorte: Fridericianum, Documenta-Halle, Orangerie/Karlsaue, Kulturbahnhof, Binding-Brauerei
Informationen: 0561/ 707270
www.documenta.de
e-mail: besucher@documenta.de, info@documenta.de
Besucherdienst: 0180/ 5115611
Der Besucherdienst bietet Führungen für Gruppen und Einzelpersonen sowie individuell zugeschnittene Besucherprogramme an.
Katalog ca. 55 €, Bildband ca. 30 €, Kurzführer ca. 15 €, Plattform 1 - 4 je ca. 30 € (Hatje Cantz Verlag)


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