 | Von Fritz Wolf
| Burgen und Schlossruinen, berühmte Weinlagen und die romantische Legende von der schönen Loreley haben das mittlere Rheintal zur sagenumwobenen Touristenattraktion gemacht. |    | Zwischen Mainz, wie es singt und lacht und Köln, wo die Karnevalsjecken tagen, kann die Flusslandschaft auch heute noch mit ihrer oft besungenen Kulisse aufwarten: Mittelalterliche Festungen stehen bei neogotischen Schlössern und verwinkelte Gassen führen durch Fachwerkidylle. Die Legende ist hingegen längst von der touristischen Wirklichkeit überrollt worden und der Loreley-Mythos wird dem heutigen Gast im Besucherzentrum multimedial erläutert. Der Mittelrhein ist aber vor allem eine uralte Kulturlandschaft, besiedelt von altersher, mit Weinbau überzogen von den Römern, als Grenze und Transportweg jahrhundertelang umkämpft. Deshalb könnte der Teilabschnitt zwischen Bingen und Koblenz bald in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen werden. |      | Der klassische Begriff der Rheinromantik geht auf den Dichter und Philosophen Friedrich von Schlegel zurück, der das Rheintal 1802 durchwanderte. Er sah die Natur als Kunstwerk, und die Landschaft als „in sich geschlossenes Gemälde”. Zugleich begriff er den Rhein als „das nur zu treue Bild unseres Vaterlandes„ und legte damit ungewollt den Grundstein für die spätere nationalistische Sicht, die Ende des 19. Jahrhunderts im Lied von der „Wacht am Rhein” gipfelte. Zur „romantischen Sehenswürdigkeit” avancierte der Mittelrhein aber schon vorher durch englische Touristen, die sich für den Gefühlswert dieser wilden und ungezähmten Landschaft begeisterten. Ihr Landsmann William Turner machte sie mit seinen Aquarellen und Kupferstichen in ganz Europa bekannt. Jede Rheintal-Fahrt muss jedoch weit vor den Romantikern beginnen. In Mainz, wo Johannes Gutenberg im 15. Jahrhundert den Buchdruck erfand und damit die Welt revolutionierte und wo im Gutenberg-Museum neben einer alten Druckerstube auch die berühmten Gutenbergbibeln aus den Jahren 1452 und 1455 zu besichtigen sind. Einige Flussbiegungen weiter wartet der Weinort Rüdesheim mit touristischen Weinstuben und feucht-fröhlichem Gedränge in der Drosselgasse auf, während in Bingen das 11. Jahrhundert lebendig wird. Hier hat Hildegard von Bingen, die „Seherin von Rupertsberg”, gewirkt, die für ihre Zeit erstaunliche naturwissenschaftliche Arbeit leistete und als erste unabhängige Frau im deutschen Mittelalter gilt. Einblicke in ihr Lebenswerk gibt das Historische Museum am Strom. Der Mäuseturm mitten im Fluss hingegen erinnert an jene Zeiten, da die Bischöfe von Mainz, den Schiffern hier Maut abknüpften und der geizige Erzbischof Hatto soll hier zur Strafe für seine Knausrigkeit von Mäusen aufgefressen worden sein. |    | Brentano, Heine und Victor Hugo |   | Im mittelalterlichen Ort Bacharach begegnet der Reisende Clemens von Brentano, dem Erfinder des Lore Lay-Mythos. Er hat mit seiner Ballade - „Zu Bacharach am Rheine, wohnt eine Zauberin; sie war so schön und feine und riss die Herzen hin”... - Heinrich Heine zu seinen berühmten Versen inspiriert. Auch die Erinnerung an Victor Hugo ist in dem Städtchen mit den alten Fachwerkhäusern lebendig. Er hat in seinen „Lettres du Rhin” die Reize der Rheinlandschaft überschwenglich gelobt, war aber zugleich auch der erste Dichter, der trotz aller nationalistisch geprägten Romantik den Rhein als europäischen Fluss verstand: „Der Rhein vereint alles, der Rhein ist reißend wie die Rhone, breit wie die Loire, in Felsen gebettet wie die Maas, gewunden wie die Seine, klar und grün wie die Somme, geschichtsreich wie der Tiber, von königsvollem Stolz wie die Donau...” Boppard ist Beispiel dafür, dass nicht alle rheinischen Burgen Kunstprodukte späterer Jahrhunderte sind. Die Burg wurde 1340 von Kurfürst Balduin von Trier als Trutz- und Zwingburg errichtet und birgt heute ein Heimat- und ein Thonet-Museum. Denn Michael Thonet, dessen Bugholzmöbel - die berühmten Thonet-Stühle - von Wien aus die Welt eroberten, stammte aus dem alten Rheinstädtchen. |    | Von der Moselmündung zum Kölner Dom |   | Bei Koblenz waren wieder die Baumeister des 19. Jahrhunderts am Werk: Linkssrheinisch blickt das neugotische Stolzenfels, rechtsrheinisch die preussische Festungsanlage Ehrenbreitstein über den Fluss. Im Mittelrhein-Museum am Koblenzer Florinsmarkt bekommt der Besucher Einblick in die Kunst der Romantik. Unter dem Motto „Wasser, Wolken, Licht und Stein” soll eine Ausstellung „Die Entdeckung der Landschaft in der europäischen Malerei um 1800” ermöglichen (August/November). Nach der Moselmündung fließt der Strom in sanfteren Windungen der rheinischen Tiefebene entgegen. Über Andernach, Sinzig und Remagen gelangt der Reisende nach Königswinter, das sich noch einmal eine dramatische Geste erlaubt. Hier hat der englische Dichter Lord Byron den Drachenfelsen besungen und der bürgerliche Glücksritter Stefan Sarter hat 1884 die Drachenburg errichtet, eine Mischung aus Burg, Schloss und Villa, die sich historisierend als Mittelalter verkleidet. |    | Vom Burgturm schweift der Blick in Richtung Bonn und weiter nach Köln das mit dem berühmten gotischen Dom und einer unlängst neu gestalteten Museumsszene lockt: Das Wallraff-Richartz Museum ist an den Heumarkt umgezogen und zeigt noch bis Anfang Dezember die Ausstellung „Le miracle de la couleur” mit 170 Werken der Fondation Corboud, die dem Museum als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt worden sind. Das Museum Ludwig am Dom bekam durch den Umzug mehr Platz und kann jetzt endlich Prachtstücke aus seinem Fundus zeigen - Deutscher Expressionismus, Russische Avantgarde und Surrealismus - ,die bisher zu einem Schattendasein verurteilt waren. Damit gehört die Kölner Museumsszene endgültig zu einer der bedeutensten Deutschlands. |  |  |  |