Brighton: London am Meer
Vereinigtes Königreich, Brighton
29-09-2008

Von Eric Boucher
Der berühmteste Badeort Großbritanniens erlebt seit den letzten 10 Jahren eine zweite Jugend. Vom traditionellen Wochenendziel der Londoner entwickelte er sich zu einer alternativen Stadt mit lebendiger Kunst-, Schwulen- und Studentenszene, die viele neue Einwohner anzieht. Regency und viktorianischer Stil prägen zwar weiterhin das Bild der Stadt, aber die Zeiten der Old Ladies, die mit rosengezierten Hüten über den Pier wandeln, sind endgültig vorbei. Brighton ist heute eine coole, moderne fashionorientiere Stadt, in der man die erstaunlichsten Outfits bewundern kann. Vom Bahnhof London St Pancras braucht man mit dem Eurostar kaum eine Stunde – ein Grund mehr, sich das Vergnügen zu gönnen.
 

London-by-the-Sea

Altengland-Nostalgiker müssen wir leider enttäuschen, denn Brighton entspricht längst nicht mehr dem Bild des braven Badeorts für begüterte Familien. Das mag so manchen überraschen, doch historisch betrachtet scheint dieser neue Trend gewissermaßen seit der Gründung des Badeorts in seinen Genen verankert gewesen zu sein. Schon 1881 beschrieb ein amerikanischer Besucher die Stadt am Ärmelkanal wie folgt:
 
„Brighton ist ein London in Kleinformat […], mit reinerer Luft vielleicht, aber praktisch genauso überfüllt. Die Geschäfte sind Londoner Geschäfte, die Schauspieler des Theaters gehören Londoner Ensembles an, die Gesichter und Kleider gleichen denen, die man in The Strand oder Piccadilly sieht und der Cockney-Slang, mit seiner gedehnten Sprechweise und seinen merkwürdigen Hauchlauten ist der vorherrschende Dialekt. Wie in London wird auch hier das Sozialleben von vielen verschiedenen Bevölkerungsklassen geprägt, die nebeneinander her leben, ohne sich jedoch zu vermischen.“
 


© E.Boucher / ViaMichelin

Avantgardestadt Brighton

Mit an die 250.000 Einwohnern und 60.000 Studenten ist der Stadtkreis Brighton-Hove bei weitem kein einfacher Badeort, sondern eine echte Großstadt am Ärmelkanal. Die Stadt Hove, die 1997 mit Brighton verbunden wurde, setzt sich größtenteils aus Wohnvierteln zusammen und ist eher konservativ geprägt, während Brighton schon immer eine avantgardistische, wenn nicht antikonformistische Stadt war.
 
Das Konzept des „Seebads“ entstand in Brighton: Mitte des 18. Jh. begann ein gewisser Doktor Richard Russel seinen Patienten Meerbäder und sogar Salzwasser-Trinkkuren zu verschreiben. Glaubt man einem unserer Stadtführer vor Ort, konnten seine Rezepte sogar folgende Form annehmen: ein Pint warmes Meerwasser mit Milch, einzunehmen mit Tabletten aus Vipernfleisch und Kellerasseln – eine Information, deren Echtheit wir allerdings nicht überprüfen konnten. Dank einer 1841 fertig gestellten Eisenbahnlinie entwickelte sich Brighton im 19. Jh. dann endgültig zu einer beliebten Sommerfrische.
 
Eine weitere wichtige Figur in der Geschichte Brightons ist König Georg IV. Von seinem ersten Besuch 1783 an, damals noch als Prinz von Wales, bis zu seinem Tod 1830 blieb Georg IV. dem kleinen Fischerhafen treu und ließ dort den extravaganten Royal Pavilion errichten, der von außen dem Palast eines indischen Maharadschas ähnelt, während die Inneineinrichtung chinesisch ist.
 
Der Zeremoniensaal ist ganz einfach überwältigend. Mit seinem prunkvollen Dekor, seiner 14 m hohen Kuppel und seinem eine Tonne wiegenden Kronleuchter ist er allein schon einen Besuch wert. War Georg IV. eine Art englischer Märchenkönig im Stil Ludwigs II. von Bayern? Sein Hang zur Exzentrik scheint dafür zu sprechen, auch wenn an seinen Sitten nichts zu beanstanden war. Die Gay-Community von Brighton (20 % der Bevölkerung, d.h. nach London die zweitgrößte des Landes) sieht in ihm gerne den Vorläufer, dem die Stadt ihren toleranten Geist und ihren Boheme-Einschlag verdankt.
 
In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wird Brighton durch die Gitarrenriffs von Pete Townshend aus seinem verträumten Seebad-Schlaf gerissen. In Quadrophenia, dem Kultfilm der Seventies mit Musik von The Who bildet die Stadt die Kulisse, vor der das Lebensgefühl der Mods (Abkürzung von Modernists) inszeniert wird. In einer Szene, die in die Filmgeschichte eingegangen ist, stürzt sich der Held mit seinem Motorroller in Brighton von einer Klippe. Seither scheint das Seebad auf alle Stars der britischen Musikszene eine unwiderstehlich Anziehungskraft auszuüben, zum Beispiel auf Oasis-Sänger NoelGallagher, Nick Cave von den Bad Seeds, Gaz Coombes von Supergrass sowie Marti Pellow (Wet, Wet, Wet) und Norman Cook alias DJ Fatboy Slim. 
 
Hört man manche Einwohner von ihrer Stadt sprechen, ist man versucht zu glauben, dass sie geradezu übersprudelt von künstlerischer Aktivität und dass hier praktisch ausschließlich Kreative leben. Tatsächlich kann Brighton stolz sein auf sein Artists’ Quarter (Künstlerviertel), in dem 30 Künstler in ehemaligen Fischerhütten, die zu Ateliers umfunktioniert wurden, ihren festen Wohnsitz haben. Die Stadtverwaltung pflegt dieses „arty“ Ambiente außerdem jedes Jahr im Mai mit der Initiative Artist Open Houses, bei der echte und falsche Künstler ihre Häuser dem Publikum öffnen. Die Atmosphäre ist freundlich und entspannt und gleichzeitig sind diese Tage der offenen Tür eine einzigartige Gelegenheit, einen Blick in ein echtes englisches Interieur zu werfen.
 


© E.Boucher / ViaMichelin

Die Seafront

Brighton liegt am Ärmelkanal, etwa auf dem gleichen Breitengrad wie Brüssel. Hier findet man also keinen Sandstrand und kein türkises Meer vor, sondern weite Kieselstrände vor dem Hintergrund grandioser weißer Kreideklippen. Die Strandpromenade ist nicht gerade von Schönheit geküsst und könnte ein kleines Lifting vertragen, aber dafür besitzt das älteste Seebad der Welt - als Privileg des Alters - einen unleugbaren, nostalgischen Charme: alte Pavillons, schmiedeeiserne Geländer aus einem vergangenen Zeitalter … und natürlich die berühmten Piers.
 
Von dem ältesten, dem West Pier, errichtet 1866, haben nur ein paar verbogene und verrußte Einsenträger die diversen Brände und Stürme der jüngeren Vergangenheit überlebt. Darüber, wie es zu diesen Katastrophen kam, sind verschiedene Gerüchte im Umlauf, von kriminellen Hypothesen bis zu recht versponnen Erklärungen. So soll zum Beispiel eine Möwe einen brennenden Zigarettenstummel auf den Pier transportiert haben.
 
Bevor die Wiederinstandsetzung beginnen kann, muss erst das nötige Geld dafür zusammengebracht werden. Dafür wurde ein eindrucksvolles Projekt ins Leben gerufen: Brighton i360  (wobei „i“ für „eye“ steht). Es handelt sich um einen schlanken Aussichtsturm am Meer, eine Art vertikaler Pier. Diese lukrative Touristenattraktion soll 100 Besucher auf einmal in eine Höhe von 183 m befördern. Entworfen wurde der Turm von David Marks und Julia Barfield, dem Architektenpaar, das bereits das London Eye in London realisiert hat. Geplante Eröffnung ist 2010.
 


© E.Boucher / ViaMichelin

Der Palace Pier jüngeren Datums beherbergt Jahrmarktsattraktionen, was ihm einen leicht surrealistischen Touch verleiht, dank jener eigenartigen Mischung aus Volksvergnügen und Romantik, aus Pommesduft und Meeresbrise.
 
Die Seafront wirkt zwar mit ihrer durchgehenden Häuserlinie recht zugebaut, besitzt jedoch auch ein paar schöne Grünanlagen und einige sehenswerte architektonische Ensembles.
 
Im Westen, in Hove, kann man die sehr aristokratischen Baukomplexe Adelaïde Crescent und Brunswick Square (1825–1827) bewundern, mit ihren ansprechenden, hellen Fassaden und der einheitlichen Gestaltung von Fenstern, Säuleneingängen und Bow-Windows, die sich identisch von einem Gebäude zum nächsten fortsetzen.
 
Im Osten sind Lewes Crescent und Sussex Square (1823) zwei Meisterwerke georgianischer Architektur mit typisch britischem Charme.
 


© E.Boucher / ViaMichelin

The Lanes oder lieber North Laine?

The Lanes, das historische Zentrum von Brighton, dort, wo sich früher das Fischerdorf befand, ist ein Labyrinth aus kleinen Straßen und Gassen, von denen manche nicht breiter als 2 Meter sind. Klein, cosy, englisch und charmant … Außerdem findet man hier den Großteil der schickeren Restaurants und Pubs der Stadt, sowie die angesagtesten Trendboutiquen.
 
Ein völlig anderes Ambiente herrscht ein paar Straßen weiter auf der anderen Seite der North Street. North Laine ist eher eine Art Camden Town, eine Hochburg der Alternativkultur mit Trödelläden, Second-Hand-Shops und allerlei anderen sehr spezialisierten Geschäften, zum Beispiel auf Skateboards oder Requisiten für Gaukler und Straßenkünstler … North Laine illustriert bestens das Gesicht des zeitgenössischen Brightons, geprägt von einer Bevölkerung, die einen deutlichen Hang zu natürlichem Wohlbefinden, Alternativmedizin und Ökologie beweist. Davon zeugen unzählige Biocafés und -restaurants sowie auf Naturprodukte und Naturkost spezialisierte Läden.Es gibt hier sogar ein Geschäft für vegetarische Schuhe. Brighton ist tatsächlich ein London im Miniaturformat, mit dem Meer als Bonus.
 

Praktische Hinweise

Anreise
 
Flug
Brighton liegt 30 Fahrtminuten vom internationalen Flughafen London Gatwick entfernt.
Der Flughafen Brighton bietet Flüge von und nach Rouen und Le Touquet in Frankreich, sowie zu den Kanalinseln des Ärmelkanals, www.shorehamairport.co.uk, www.skysouth.co.uk.
 
Fähre
Brighton liegt 20 Fahrtminuten mit dem Auto und 25 Minuten mit der Bahn von Newhaven entfernt, wo es eine Fährverbindung nach Dieppe (Frankreich) gibt, www.aferry.com
 
 
Hinweise
 
Unterkunft
 
Hotel UNA
Angenehmes Boutique-Hotel mit modern gestylten Zimmern, dekoriert mit zeitgenössischer Kunst. Es liegt am sehr aristokratischen Regency Square an der Seafront, unweit der berühmten West Pier und 10 min zu Fuß von The Lanes, dem historischen Zentrum der Stadt. Doppelzimmer 110 bis 140 £.
55/56 Regency Square, Brighton, BN1 2FF
Tel :+ 44 (0) 1273 820 464
 
myhotel Brighton
Diese Hotelkette hat kürzlich ein hochmodernes Boutique-Hotel in North Laine mitten in der Stadt eröffnet. Ideal für alle, die das alternative Ambiente und das New-Age-Flair dieses Stadtteils aus der Nähe erleben möchten. Das psychedelisch gestylte Hotel wurde vom New Yorker Designer Karim Rashid nach den Prinzipien des Feng Shui entworfen. Entstanden ist so ein 2001, Odyssee im Weltraum-Ambiente, in dem die Farben Knallgrün, Fuchsia, Orange und Weiß vorherrschen, mit hypermodernen Möbeln und jeder Menge Hightech, um Notebook oder MP3 an die HiFi-Anlage des Zimmers anzuschließen. Einziger Nachteil: Es liegt nicht am Meer. Doppelzimmer ab 140 £.
17 Jubilee Street, Brighton, BN1 1GE
Tel.: (0) 1273 900300
 
 
Restaurants
 
Riddle & Finns
Dieses Restaurant in einer kleinen Straße in The Lanes ist auf Fisch, Meeresfrüchte und Champagner spezialisiert. Menü zu 10 £ zwischen Mittag und 19.00 Uhr. Ein Essen à la carte außerhalb dieser Uhrzeiten ist wesentlich teurer.
12b Meeting House Lane, Brighton BN1 2FN.
Tel.: (0) 1273 323008
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Tourismus, Hotels & Restaurants

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