04-08-2008
Von Marie Lecocq1000 Seen – in Wirklichkeit sind es an die 4000 – und ebenso viele Gründe, Masuren zu lieben. Naturfreunde sind hier in ihrem Element und man versteht schnell, warum. Scharen von Zugvögeln faszinieren von einer Insel zur nächsten die Ornithologen und leidenschaftliche Segler können sich hier so richtig austoben. In Masuren spielt sich eben alles auf dem Wasser ab. Noch blieb diese Region vom Massentourismus verschont, der, gefördert u.a. durch die wachsende Zahl von Lowcost-Fluggesellschaften, langsam aber sicher auch Polen heimzusuchen beginnt. Doch touristische Erschließung und Hotelangebot schreiten auch in dieser urwüchsigen Landschaft mit ihren zahlreichen Naturschutzgebieten voran. © M. LecocqSeentourAnkunft in Giżycko, einem fröhlichen kleinen Segel- und Yachthafen auf einem schmalen Landstreifen zwischen Kisajno (Kissainsee) und Niegocin (Löwentinsee) mitten im Herzen der Seenplatte. Der von Wäldern umgebene und von vielen kleinen Kirchen gezierte Ort erwacht im Sommer zu intensivem Leben und ist das Ziel unzähliger Segelfans, Hobbykapitäne und sonstiger Wasserratten. In den Restaurants bekommt man Zander und Barsch zu Spottpreisen. Tagsüber kann man, selbstvergessen ans Geländer gelehnt oder bei einem Spaziergang entlang des Kanals, dabei zusehen, wie sich die alte Drehbrücke öffnet. Letztere stammt aus den 50er Jahren des 19. Jh. und ist eine der großen Attraktionen der Region. Ihre Besonderheit besteht darin, dass sie nur aus einem Brückenjoch besteht, das über einen Hebel bewegt wird. Das 1889 entwickelte System ist so ausgelegt, dass das 100 Tonnen schwere Brückenelement von nur einer Person per Hand bedient werden kann. Boote mietenIn dieser Region, die ganz dem Wassertourismus gewidmet ist, findet man ohne Mühe in allen größeren Städten am See (Węgorzewo, Mikołajki oder Giżycko) Bootsvermietungen. Ein kleiner Ausflug ins Internet vor der Reise gibt Ihnen einen Überblick über Angebot und Preise: www.locaboat.com bietet zum Beispiel Hausboote für Masuren an. Auf der Website www.nazagle.pl findet man ein umfassendes Angebot von Segelbooten, allerdings nur in polnischer Sprache. Das Einfachste ist sicher, sich an ein spezialisiertes Reisebüro zu wenden. Sztynort oder das „Mekka der Segler“Nehmen wir nun Kurs nach Norden, über den Darginsee nach Sztynort, auch „Mekka der Segler“ genannt. Sztynort ist einer der bekanntesten Orte der Region und besitzt einen sehr einladenden Hafen, der vielerlei Möglichkeit zum Partymachen bietet – auch wenn sich so mancher langjährige Stammgast vielleicht nur schweren Herzens damit abfinden mag, dass sich dieser ehemalige Geheimtipp für eingefleischte Segler langsam aber sicher in einen touristischen Yachthafen verwandelt. Wir möchten Ihnen nichtsdestotrotz das Zenza empfehlen. Diese berühmte Seglerkneipe, die früher im Kellergewölbe des Schlosses oberhalb des Hafens untergebracht war, ist inzwischen an den Kai umgezogen. Das Schloss, ein großes Barockgebäude aus dem 17. Jh., wurde in ein Hotel umfunktioniert, dessen Einrichtung im Hotelkettenstil es leider etwas an Charme mangelt. KulinarischesIn den Seen wimmelt es natürlich von Fischen: Zander, Aale, Hechte usw., die man mit diversen Soßen oder einfach vom Grill genießen kann. Lassen Sie sich diesen Gaumenschmaus nicht entgehen! Alle Restaurants und Lokale haben Fisch auf der Karte. Ansonsten findet man natürlich auch typisch polnische Spezialitäten wie Pierogi, polnische Maultaschen gefüllt mit Fleisch, Früchten oder Kohl, und natürlich den berühmten polnischen Krauttopf Bigos, dessen Rezept je nach Region variiert. Was man dazu trinkt, muss wohl nicht weiter erwähnt werden … Oder doch? Wodka natürlich.! © M. LecocqWęgorzewoSegeln wir nun weiter Richtung Węgorzewo, eine kleine Stadt im Norden der Seenplatte, die sich um eine Burg des Deutschen Ritterordens, der sich hier im 14. Jh. niederließ, entwickelt hat. Die Burg der Ordensritter gibt es heute nicht mehr, dafür aber hat sich Węgorzewo zu einer Hochburg anderer Art entwickelt: Jeden Sommer findet hier eines der bekanntesten polnischen Rockfestivals statt. Nur knappe zwanzig Kilometer trennen die Kleinstadt von der russischen Grenze, genauer gesagt von der Oblast (bzw. dem Gebiet) Kaliningrad. Der Hafen von Węgorzewo liegt am Mamrysee (Mauersee), dem zweigrößten See Masurens (104,5 km²). Die 33 Inseln des Sees sind fast alle Vogelreservate. Auf einer davon hat sich eine Kormorankolonie niedergelassen, der die Insel ihren heutigen Namen verdankt. Der Mamrysee ist definitiv ein Paradies für Hobbyornithologen, die hier, mit Fernglas bewaffnet, verschiedenste Arten von Zugvögeln beobachten können. Aber auch für weniger vogelbegeisterte Besucher ist dies eine ideale Gelegenheit, sich mit dem Gebrauch eines Fernglases vertraut zu machen. Nach Węgorzewo wenden wir uns nun wieder Richtung Süden. Unser Ziel ist der Sniardwy (Spirdingsee), mit 113,8 km² und 8 Inseln der größte See der Masurischen Seenplatte. Im äußersten Südosten des Sees sollte man, kurz bevor man Mikołajki, die touristische Hauptstadt der Seenplatte erreicht, eine kleine Pause in Zielony Gaj einlegen. Von der ehemals preußischen Siedlung ist, wie so oft in dieser Region, noch ein schönes Herrenhaus geblieben, in dem heute eine Pension untergebracht ist. UnterbringungAuch wenn Sie lieber festen Boden unter den Füßen spüren anstatt den sanften Schlag der Wellen, werden Sie hier keine Probleme haben, eine passende Unterkunft zu finden. Die typischste Form der Unterbringung in dieser ländlichen Region, und sicher nicht die unangenehmste, ist das Zimmer auf dem Bauernhof. Agrotourismus ist in Polen weit verbreitet und der Empfang ist in der Regel ausgesprochen freundlich. Daneben gibt es natürlich auch eine Reihe angenehmer Familienhotels sowie Pensionen. Dies alles kann man über Internet reservieren, zum Beispiel auf der Website www.agrotystyka.pl (ce lien ne fonctionne pas, adresse à vérifier, je pense qu’il s’agit de www.agroturystyka.pl), die auch in englischer Version verfügbar ist und Ihnen einen guten Überblick über das agrotouristische Angebot des Landes gibt. © M. LecocqDie Sage vom König der FischeDie kleine Stadt Mikołajki ist heute das nette und lebendige Zentrum des polnischen Wassertourismus. Hier kann man die schönsten Segelyachten bewundern und verschiedensten Wassersportwettkämpfen beiwohnen, von Segeln bis Eissport und natürlich auch beides kombiniert. Der Stinthengst, ein Fisch mit Krone, der einst über die „stürmischen Wasser“ der masurischen Seen regierte, ist heute das Wahrzeichen dieser gastfreundlichen, heiteren Stadt, gelegen an einem Seitenarm des Sees. Wir sind also praktisch am Ziel: Der Sniardwy, der größte See des Landes, breitet vor uns seine wunderbare unberührte Landschaft aus. Zeit und Ort sind gekommen, das Segelboot gegen ein Kanu einzutauschen, denn nicht weit entfernt befindet sich, südwestlich von Mikołajki, eine der schönsten Kanurouten Polens, wildromantisch und ideal für Anfänger. Von Sorkwity nach Ruciane-Nida führt diese Route auf dem Fluss Krutynia insgesamt durch 17 Seen. Kanufans können ohne weiteres elf Tage einplanen, um die rund hundert Kilometer zurückzulegen und ausgiebige Bekanntschaft mit dem polnischen Höckerschwan, dem größten Vogel Europas, zu machen. Die Biebrza und ihre unberührte SumpflandschaftHaben Sie inzwischen Lust auf einen kleinen Landgang bekommen? Die Biebrza-Sümpfe östlich der großen Seen wurden schon vor geraumer Zeit zum Biebrzański Nationalpark erklärt, benannt nach dem Fluss, der jedes Jahr im Frühling das breite, ihn umgebende Tal überschwemmt. In diesem Sumpfgebiet, sicher eine der unberührtesten Landschaften Europas, machen tausende von Zugvögeln auf dem Weg in den Hohen Norden Zwischenstation. Wir sind am Ende unserer Reise angelangt, die uns bis kurz vor die belarussische Grenze geführt hat. Rückkehr nach Giżycko, wo wir in den Zug steigen, der uns zu einem der beiden nächstgelegenen Flughäfen, Danzig oder Warschau, bringt. |