01-09-2008
Von Emmanuel TresmontantDer Schwarzwald, der sich von Karlsruhe bis Basel über 170 km im Südwesten Deutschlands erstreckt, war einst ein sagenumwobener Landstrich voller Feen und Hexen. Heute fasziniert er durch eine wunderbar vielseitige Landschaft, die unweigerlich den Wunsch weckt, sich in ihr zu verlieren und Lärm und Hektik der Zivilisation hinter sich zu lassen! Dreitägiger Kurztrip ab Karlsruhe. Die Strecke führt durch Gengenbach, Durbach, Kappelrodeck, Neuweier, Baden-Baden, Baiersbronn. Insgesamt 291 km © E. Tresmontant/ViaMichelinKurzer Schwarzwald-ÜberblickAbgesehen von den weiten Hochebenen im Norden, die fast völlig mit Nadelwäldern bedeckt sind, teilt man den Schwarzwald für gewöhnlich in drei verschiedene touristische Bereiche ein. Da ist zunächst einmal die Schwarzwaldhochstraße, die in einer Höhe von bis zu 1000 m durch eine sehr kontrastreiche Landschaft führt, geprägt von Weinbergen, Ostgärten und Hochweiden auf baumfreien Höhenrücken, die man als Grinde bezeichnet. Hinzu kommt der Mittelschwarzwald, mit den Tälern der Kinsig und der Elz und vielen malerischen kleinen Städten, die berühmt sind für ihre traditionelle Handwerkskunst (wie Triberg für Kuckucksuhren). Die Gegend rund um Freibug schließlich, der Hochschwarzwald, ist bekannt für seine fast schon alpinen Gipfel (Belchen und Feldberg), seine Seen (Schluchsee und Titisee) und herrliche Wanderwege, auf denen man seltenen Wildblumen begegnet. Sie ist auch die Heimat des Philosophen Martin Heidegger, der im Waldweg eine Metapher für das westliche Denken sah: „Holz lautet ein alter Name für Wald. Im Holz sind Wege, die meist verwachsen jäh im Unbegangenen aufhören. Sie heißen Holzwege.“ Martin Heidegger, Holzwege © E. Tresmontant/ViaMichelinGengenbachWir schlagen Ihnen vor, ihre Reise durch den Schwarzwald mit dem Besuch einer der Perlen Baden-Württembergs zu beginnen: der Stadt Gengenbach. Die kleine Stadt an der Kinzig, umgeben von Wald und Weinbergen und berühmt für ihren Karneval, ihren Weihnachtsmarkt und ihren Adventskalender, besticht durch die gut erhaltene, sorgfältig restaurierte traditionelle Architektur und ihre schönen Fachwerkhäuser. Nehmen Sie sich die Zeit, die aus dem 18. Jh. stammenden Gebäude rund um den Marktplatz zu bewundern, darunter das Rathaus, die Alte Kanzlei, der Schwedenturm (Teil der Befestigungsanlage) und die Benediktinerabtei, die einen sehr schönen Barockgarten besitzt. Von der Spitze Niggelturms, in dem heute das Narrenmuseum untergebracht ist, hat man eine herrliche Panoramaaussicht und erkennt bei klarem Wetter sogar das Straßburger Münster. Zum Mittagessen bietet sich das traditionelle Wirtshaus Pfeffermühle an, wo man u.a. eine köstliche Badische Festsuppe bekommt. DurbachFahren Sie dann weiter Richtung Durbach, dem „goldenen Weindorf“ Baden-Württembergs mit einer tausendjährigen Winzertradition. Das auf einem Hügel über dem Ort thronende Schloss Staufenberg ist nicht nur eine interessante Sehenswürdigkeit, sondern stellt zugleich einen der besten Weine der Region her (Markgraf von Baden).Auf den besten Parzellen gedeihen die Riesling- und Pinot Noir-Trauben, aus denen der Durbacher Schlossberg gekeltert wird. Die Weinberge auf den steilen Granithängen werden biologisch angebaut und liefern nur begrenzte Erträge (24 hl/ha). Verglichen zu den in der ganzen Welt für ihre Mineralität und kristalline Reinheit bekannten Rheingau-Rieslingen sind die Weine aus Durbach fruchtiger und gehaltvoller. Das Schloss Markgraf von Baden produziert außerdem einen bemerkenswerten Spätlese-Riesling mit geringem Alkoholgehalt (10,5 %). © E. Tresmontant/ViaMichelinKappelrodeckDieses malerische Dorf liegt zwischen der Badischen Weinstraße und der Schwarzwaldhochstraße. Seine majestätischen Fachwerkhäuser werden von einer Burg aus dem 11. Jh. überragt, die das Wahrzeichen des Ortes ist: Burg Rodeck. Soweit das Auge reicht sind die fruchtbaren Böden hier mit Obstbäumen übersät, die das Achertal im Frühling in ein wahres Blütenmeer verwandeln. Die Luft ist rein, die Landschaft lädt zu Wander- oder Mountainbiketouren ein und die Einwohner sind äußerst gastfreundlich. Zögern Sie nicht, sich für die Nacht im Gasthof Rebstock Waldulm einzumieten und dort zu Abend zu essen. Freundliche Damen im Trachtenlook servieren hier erstklassig zubereitete regionale Spezialitäten. Kappelrodeck lohnt jedoch auch noch aus einem anderen Grund einen Besuch: Hier findet man ausgezeichnete Schnäpse, die den Ort in ganz Deutschland bekannt gemacht haben. Seit Anfang des 20. Jh. destilliert die Familie Scheibel nach traditioneller Methode über Holzfeuer. Die Brände aus Kirschen oder wilden Pflaumen des Schwarzwalds sind von außergewöhnlicher Finesse und besitzen eine bemerkenswerte aromatische Fülle. Eine weitere Adresse, die bei einem Besuch in Kappelrodeck ins Programm gehört, ist die von Theo Künstel im Dorfkern, der köstliche Balsamessige aus Kirschen oder Beeren herstellt, die auch dem einfachsten Salat eine besondere Note verleihen. Sein Honig und sein Schnaps sind ebenfalls nicht zu verachten. Die Tochter von Theo organisiert ihrerseits Wanderungen, auf denen man sich mit den Gewürz- und Heilkräutern des Schwarzwalds vertraut machen kann. © E. Tresmontant/ViaMichelinMittagessen auf Schloss NeuweierFrüher verdankte das Dorf Neuweier seine Bekanntheit einem Weinberg am Fuße eines Schlosses, das einst im Besitz einer französischen Adelsfamilie war. Heute ist es die Gastronomie, die den Ort berühmt macht, genauer gesagt der junge Koch Armin Röttele (ein Michelinstern seit 2006), dessen Restaurant in einem kleinen Schloss aus dem 16. Jh. untergebracht ist. Die Küche des Weltenbummlers und Motorradfans Armin Röttele ist mediterran inspiriert, stützt sich jedoch auch auf die ausgezeichneten Produkte des Schwarzwalds, wie die Pilze und das zarte Kalbsfilet aus dem Elztal, begleitet von einem köstlichen Frühlings-Risotto. Alle Gerichte des jungen Kochs sind perfekt zubereitet und Muster an Eleganz und Leichtigkeit, wie zum Beispiel die Riesenkrevette in der Nusskruste gebacken auf weißem Spargelsalat und Kräutersauce. Doch das erstaunlichste ist, angesichts des gehobenen Niveaus der Küche, der Preis des Mittagsmenüs: Vorspeise, Hauptgericht und Dessert für nur 30 Euro! © E. Tresmontant/ViaMichelinBaden-BadenIm Russischen verwendet man noch heute den Ausdruck „sich einen Baden-Baden machen“, was soviel bedeutet wie sich eine schöne Zeit gönnen. Früher begab man sich nach Baden-Baden zur Kur oder um im Kasino zu spielen, heute sind es vor allem die Geschäftsleute der Putin-Ära, die hier ihr Geld lassen … „Roulettenburg“, wie Dostojewski die Stadt in seinem Roman Der Spieler nannte, zählt zu jenen seltenen Orten, die voll und ganz wie eine Theaterkulisse anmuten. In der Stadt an der Oos trifft man Großbürger, Musiker und Schriftsteller aus der ganzen Welt auf der Lichtentaler Allee – die schönste Promenade der Stadt –, aber auch im Teesalon des Hotels Brenner’s, auf der Pferderennbahn, im Konzertsaal des Festspielhauses oder im „römisch-irischen“ Friedrichsbad. Letzteres, ein Palais im Neorenaissancestil, avancierte zur beliebtesten Anti-Stress-Adresse geplagter Manager aus ganz Europa. Der berühmte Satz des Schriftstellers Mark Twain scheint heute aktueller denn je „Hier im Baden-Badener Friedrichsbad vergessen Sie nach 10 Minuten die Zeit und nach 20 Minuten die Welt.“ Auf den Spuren Bismarcks, Napoleons III., Alexanders. II und Clémenceaus sollte man sich in die Trinkhalle begeben und Baden-Badener Wasser trinken, das hier warm, salzig und umsonst direkt aus der Quelle kommt. Das Thermalwasser, das nicht in Flaschen abgefüllt wird, ist seit der Antike für seine lindernde Wirkung bei Depressionen bekannt. Ein weiterer geschichtsträchtiger Ort ist das Brahmshaus im oberen Teil der Stadt. Hier wohnte der Komponist in den Sommermonaten 1865-1874, in nächster Nachbarschaft zu Clara Schumann, und schuf einige seiner wichtigsten Werke, darunter das Deutsche Requiem, seine beiden ersten Sinfonien und seine Sonate für Cello und Klavier. Sehenswert ist auch das neue MuseumFrieder Burda, das die Sammlung des deutschen Pressemagnaten zeigt, u.a. die Quintessenz der Malerei der letzten 50 Jahre mit Werken von Jackson Pollock, Willem de Kooning und Mark Rothko aber auch Gerhard Richter, Sigmar Polke und Georg Baselitz. Das Gebäude, ein perfekt in die grüne und historische Umgebung integrierter Quader aus Glas, Licht und Aluminium, ist ein Werk des Architekten Richard Meier (Getty Museum in Malibu, Museum für Zeitgenössische Kunst in Barcelona). © E. Tresmontant/ViaMichelinBaiersbronnDer Moment ist gekommen, die berühmte Schwarzwaldhochstraße in Angriff zu nehmen. Hier ändert sich das Dekor schlagartig: Der Wald wird dicht und dunkel, Schnee fällt in dicken Flocken und die Kulisse erinnert an Shining von Stanley Kubrick … Unser nächstes Ziel ist die Gemeinde Baiersbronn, nach Stuttgart die großflächigste Gemeinde Baden-Württembergs mit nicht weniger als 9 Ortschaften. Doch Baiersbronn ist vor allem das Epizentrum der deutschen Gastronomie mit nicht weniger als 30 Restaurants im Michelin-Führer, darunter zwei legendäre Dreisterne-Häuser: die Schwarzwaldstube des Meisterkochs Harald Wohlfart und das Bareiss von Claus-Peter Lumpp. Abgesehen von den kulinarischen Freuden raten wir Ihnen zum Besuch eines weiteren Originals: Reinhard Bosch. Der ehemalige Holzfäller, der eine Zeit lang in Indien lebte, hat sich auf seine Weise auf Wellness spezialisiert. Bei ihm nimmt dieses neumodische Konzept folgende Form an: große Badezuber in die man bekleidet mit einem Leinenhöschen steigt, wie sie im Mittelalter gewebt wurden. Im Winter findet der auf alt getrimmte Badespaß in einer Scheune statt, im Sommer unter freiem Himmel inmitten blühender Wiesen. Rosenblüten, Gewürze und Badesalze verschiedenster Art werden dem Quellwasser hinzugefügt und machen das Baderlebnis besonders angenehm. Anschließend wird man von Reinhard mit Schlamm eingeschmiert, der die Poren der Haut reinigen soll. 30 Minuten später wird man abgespült und von Kopf bis Fuß massiert … Eine Wellness-Erfahrung, die man so schnell nicht vergisst, das kann ich Ihnen bestätigen! Praktische HinweiseTourismusamt Gengenbach Restaurant Pfeffermühle Weine des Markgrafs von Baden Hotel Rebstock Waldulm in Kappelrodeck Schnaps von Scheibel Balsamessig von Theo Künstel Restaurant Schloss Neuweier Tourismusamt Baden-Baden Museum Frieder Burda Reinhard Bosch Wildbader Strasse 87 – 72250 Freudenstadt Tel.: 0 74 41 95 29 12 – 0170 993 45 09 Hotel Bareiss im Schwarzwald 72270 Baiersbronn - Mitteltal Restaurant Schwarzwaldstube Tonbachstrasse 237 72220 Baiersbronn |